Zum Schluss einen großen, herzlichen Dank:
Für Input, Inspiration, funkensprühende Gehirnwindungen, für Organisation vor und hinter den Kulissen, an die Macherinnen und Macher, Rednerinnen und Redner, Kuratorinnen und Kuratoren, die vielen helfenden Hände vom FatCat, die Förderer, das wunderbare Publikum.
Dank für die Ideen, das Miteinander und Gemeinsame, für Gespräche, Diskussionen, für Austausch, Kreativität, gute Laune, Humor, für Sinn und Sinnhaftigkeit, für Perspektiven, Visionen, für Denkanstöße, für Heiteres, Berührendes, neue Verbindungen und Kontroverses bei der DIVE’25.
Wir sehen uns - bei der nächsten DIVE.
Danke
Gestalten, was bleibt – Zukunftsräume zwischen Politik, Gesellschaft und Design erobern
Zukunftsräume erobern, gestalten, was bleibt.
Gestalten, was bleibt und was geht – drei Perspektiven aus sehr unterschiedlichen Kontexten (Design, Branding, Politik) treffen aufeinander und widmen sich doch derselben Frage: Was kann Design in einer Gesellschaft leisten, die sich tiefgreifend verändern muss?
Eine Wechselseitigkeit in punkto Umweltverhältnisse, Prof. Dr. Sandra Groll erzählt vom Specht, der Fassadendämmungen als neues Habitat im städtischen Raum entdeckt. Ein Beispiel im übertragenen Sinne, das bildhaft verdeutlicht: Zwischen ökologischen, sozialen, artifiziellen und menschlichen Veränderungen entsteht neuer Raum, der erobert und neu definiert werden will. Komplexe systemische Angelegenheiten mischen sich mit Neuentdeckungen, mit einer Menge Potenzial, in Entwürfen andere Begrifflichkeiten umzusetzen, andere Bereiche gestalterisch umzusetzen und Alltag zu begegnen. Design ist omnipräsent, es gibt eigentlich keine Alltagssituation, die ohne Design auskommt.
»Anders möglich sein können, das ist Kontingenzbewältigung. Was ist sinnvoll, für wen, das ist einer der wesentlichen Funktionsbereiche von Design. Darin ist Design unique und darin erfüllen Designer ihre gesellschaftliche Funktion. Das Schöne im Design ist, dass man aus gemachten Unterscheidungen lernen und im nächsten Schritt Neues, Anderes entwickeln kann, vorwärts und in eine Zukunft hinein.« Sandra Groll
»Im Zusammenhang von ‚World Design Capital‘ Frankfurt versuche ich gerade der Frage nachzugehen ‚Wie regieren wir eigentlich?‘ und beschäftige mich viel damit, wie wir eigentlich ins Rollen – und Gestalten – kommen, wenn es um neue Gesetze, neue politische Vorhaben und Probleme geht. Ein kluger Satz dazu ist ‚Löse nie ein Problem, das keiner kennt.‘. Denn wo kein Problem ist, muss ich nichts regeln. Wo hingegen ein Problem ist, muss ich aktiv werden und ändern.
So kann man aus einem Problem eine Herausforderung gestalten, im Sinne eines Appells, miteinander zu reden, abzuwägen, was eigentlich passiert ist und wen man dazu braucht. (…) Wenn ich Leute zu dieser Betrachtung bewegen kann, dann kristallisieren sich in aller Regel auch Lösungen heraus. In der gesamten Gesellschaft betrachten wir Probleme zu wenig als Herausforderungen, wir kommunizieren und streiten zu wenig konstruktiv, vor allem unter dem Aspekt, der andere könnte eventuell auch recht haben. Möglicherweise füttern wir damit extreme Positionen und stärken sie auf diese Weise – anstelle mit Kompetenz, Respekt und umfassender Gestaltung zu funktionierenden Lösungen zu kommen.
Eventuell müssen wir dazu auch Gestalter:innen, Designer:innen anheuern, um solche Prozesse zu begleiten und zu steuern. Das sollten wir üben und das ist Teil des Projekts ‚World Design Capital‘.« Karin Wolff
»Michelangelo behauptete, die Skulptur sei im Stein enthalten. Übersetzt in Design könnte das heißen: Die Lösung ist bereits im Problem enthalten. Wir sollten selbstbewusst sein als Designer, Positionen in die Öffentlichkeit tragen, mit durchgedrücktem Rücken – und nicht in Selbstfindungsdiskussionen festhängen. Wir sollten ausprobieren, spielen, unmögliche Fragen in den Raum stellen – daran entzündet sich Disput und Disruption und daraus entsteht Innovation und Zukunft. Wir müssen Ziele formulieren. Denn erst wenn man Ziele hat, kann man Forderungen formulieren. Design beteiligt sich in Formaten wie ‚World Design Capital‘ am öffentlichen Diskurs, macht sichtbar und bezieht Position. Werden wir zu Botschaftern dessen, was wir tun. « Prof. Lutz Engelke
NO PRODUCT!
No Product!
Prof. Markus Frenzl ist nicht nur Designforscher. Er ist auch Consultant und Designkritiker und bewegt sich damit in einem überaus interessanten Koordinatensystems der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Gestaltung und Design. Eine Intervention in Statements:
»No Product – das ist ein Plädoyer für eine Gestaltungskultur der Suffizienz, das Entwerfen im kulturellen Bestand – und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Innovationsbegriff der Moderne.«
»Ich interveniere jetzt. Wer dieses Jahr in Mailand war, konnte feststellen, dass die großen Modemarken auf aufwändige Inszenierungen gesetzt haben. Immer öfter entdecken Modelabels auch Protagonist:innen der Designhistorie neu, für Möbel, Sessel, Vasen und alles andere. Und wir merken nicht einmal, was für ein Widerspruch das eigentlich ist.«
»Künstliche Verknappungs- und Distinktionsstrategien scheinen also eine perfekte Lösung für noch höhere Wertschöpfung mit noch weniger Produkten erreichen kann. Das ist ein Widerspruch an sich, wenn es um Designprinzipien sind – denn sie sind Zugänglichkeit und Demokratie.«
»Nichtwissen befreit vom Ballast der Vergangenheit, sagte Marc Brown. Das sehe ich ganz und gar nicht so – man muss sich mit der Kultur des Gegenständlichen auseinandersetzen, sie bewahren und sie in die Gegenwart transformieren. Das ist Relevanz und Essenz von Design.«
»Analog zum Bauen im Bestand könnte man vom Gestalten im kulturellen Bestand im Design sprechen. Nicht mit Retroblick, sondern im Bewusstsein unserer eigenen Kultur und Zukunft in einer digitalen Welt.«
»Vielleicht müssen wir uns auch mit eher unbeliebten Symbolen wie Flaggen auseinandersetzen und sie mit neuen Werten verknüpfen, ehe sie von politischen Extremen gekapert und für ihre Zwecke genutzt werden.«
»Andere Möbel, andere Produkte, das waren früher die Innovationsindikatoren früherer Generationen. Sie taugen heute nur noch bedingt als unsere Indikatoren; Suffizienz bedeutet nicht nur, einen neuen Stuhl mit möglichst wenigen neuen Materialien zu machen – sondern ihn, wenn es keinen guten Grund dafür gibt, GAR NICHT zu machen.«
»Es geht nicht immer um das gegenständliche Produkt, sondern um die kulturelle Praxis, die damit verbunden ist. Und auch um die Entwicklung neuer kultureller Muster, beispielsweise mit weniger zu leben.«
»Weglassen bedeutet nicht unbedingt Verzicht: Wie kann sich Weglassen in bestehende Systeme einfügen? Das kann nämlich bedeuten, neue Produktionswege und -techniken zugunsten von weniger Produkten zu gestalten.«
»Welche Diskurse wollen wir gestalten? Gestalten wir sie überhaupt? Diskurse müssen den Weg in die Öffentlichkeit finden – das heißt auch, die wenigen, noch vorhandenen Fachpublikationen zu stärken. Oder in Publikumsmedien über Design, dessen Qualitäten und Kraft zu schreiben.«
»Wir brauchen ein Innovationsverständnis im Design, das sich erlaubt, statt eines neuen Produktes einen Diskurs zu gestalten. Relevanter, sozialer, politischer, wertschätzender, kreativer, diverser, demokratischer, gerechter, inklusiver, diskursiver sein – mehr Rosen, um mit Luisa Neubauer zu sprechen.«
Gesellschaft gestalten: Engagement in Zeiten des Wandels
Gesellschaft gestalten: Engagement in Zeiten des Wandels
Gesellschaft gestalten: Engagement in Zeiten des Wandels
Sie ist live zugeschaltet, an einem Samstag, aus Halle an der Saale und einem Physik-Klassenraum: Dort konferiert Luisa Neubauer über Klimawandel und Klimaschutzpolitik, ein Wochenende lang.
Stärke, Mut, Empathie – das sind Aspekte, die sie inspirieren: Die Lektüre des Buchs »Tintenherz«, in dem eine 12jährige Figuren aus dem Buch heraus- und wieder hineinlesen kann. Wie empathisch dieses Mädchen auf Menschen zugehen kann. Auch die Begegnungen mit Menschen in oppositionellen Gruppen in den USA, in Indien oder Südamerika gehören für Luisa Neubauer zu den Mut machenden Inspirationen. Dann, wenn auf einem baufälligen Haus ein Wandbild gemalt wird, das die Schäden des Hauses verdeckt: »Man sieht nur noch die Farben, was für eine Energie steckt dahinter, dieses Haus vom Verfall zur Schönheit zu bringen!«
Was eigentlich verbindend ist: Die Ästhetik von Begegnung. Nicht Rechthaben, nicht Aggression – sondern Teilen, Verbinden, Vereinen, von Emotionen, von Fakten, Kenntnissen und einer gemeinsamen Haltung, mit Kreativität, Überzeugung, Gemeinsamkeit, mit Blick auf das Schöne, Bewahrenswerte, auf die Wunder dieser Welt. »Es wäre undenkbar, all das, was wir angehen wollen, anzugehen ohne das Kreative ins Zentrum der Betrachtung zu rücken.« Es sind für Neubauer die Geschichten, in die Inhalte quasi hineingestaltet werden. »Schönste Marketingfilme, es ist immer der coole James Bond im schicken Anzug, im schicken Auto….« sagt Luisa Neubauer. Für sie ist die Klimakrise ein Ergebnis konsequenten Storytellings, es hätte sie nicht ohne Kommunikation und Marketingmacht gegeben, ohne die Kreativen, ohne sie zu einer schönen Geschichte zu machen.
Wie dem also begegnen? »Wir dachten eine Zeitlang, dass wir nur die Zahlen, Daten und Fakten brauchen, um dem etwas entgegenzusetzen. Vielleicht war das auch Überheblichkeit, das Elementare von Schönheit, Kreativität, von Farben und Sounds zu unterschätzen. Vielleicht braucht es eine Art neues Grundvertrauen in Ästhetik und Kreativität, die das abbildet, was wir bewahren müssen. Es fällt sicher schwer, sich auf etwas einzulassen und in etwas zu vertrauen, was nicht wirklich greifbar ist. Mehr fühlen, weniger zählen – in Botschaften, die nicht nur wissenschaftliche Abhandlungen sind, sondern auch von Visionen, Träumen, Wünschen und Gefühlen erzählen und damit berühren. (…)«
»Ich kann verstehen, dass vielen Menschen gerade nicht nach Hoffnung oder Mut ist. Wir müssen die Rolle des Kreativen, Schönen, Ästhetischen neu entdecken, um auch die Hoffnung und den Mut wiederzuentdecken und zu beleben. In der Erkenntnis von Menschen, die sich sagen ‚ich möchte Teil dieser Entwicklung sein, dieser positiven Veränderung‘. Es kann ganz schön groß werden, wenn man zusammen kommt. Wenn ein WIR da ist, Gemeinsamkeit (…).«
»Mut ist ein Muskel: Das erste Mal mutig sein ist ebenso anstrengend wie das zweite. Wenn man weitermacht, wächst er. Wir wachsen an unseren Herausforderungen.«
»Brot und Rosen«, davon spricht Luisa Neubauer in ihrem Buch. George Orwell war die Wurzel dieses Zitats; begnadeter Gärtner, das ist weniger bekannt über den Autor. Während seiner Zeit im Spanischen Bürgerkrieg pflanzte er einen Rosenstock, der bis heute existiert. Die Erwähnung von Orwells Rosen, des Brots, das ist der Verweis darauf, dass Menschen neben Brot auch Rosen brauchen: »Ohne das Schöne, das uns verbindet, uns anzieht, verlieren wir unsere Menschlichkeit.«
Bettina Otto, Professorin für Mediendesign und Stefan Bergmeier, Gründer von Creatives for Future greifen den Faden auf, im gemeinsamen Gespräch mit Luisa Neubauer und Moderatorin Julia Peglow:
»Was unser Rosenfaktor ist? Wie können wir die Rosen sein für Menschen, die sich bisher schwergetan haben, unzugängliche Reports zu lesen, wie können wir ehrenamtliche Bewegungen unterstützen? Wir denken da beispielsweise an Omas for Future und deren Klima- und Gesundheitsquiz, das wir ansprechend gestaltet haben.« Stefan Bergmeier
»Die nächste Generation, unsere Studierenden, denen müssen wir Zugänge und Brücken bauen: Rosen, die schönen Dinge, sind nicht selbstverständlich. Sie wollen erarbeitet werden und man darf nicht die Augen zumachen, wenn es schwierig wird.« Bettina Otto
»Mut braucht es nur, wenn es Widerstand gibt, wenn es bergauf geht. Mut ohne Widerstand ist eher gute Laune. Erste Schritte sind wichtig, man muss sie anerkennen und wertschätzen. Es geht nicht darum, dass wir alle das Gleiche machen. Es geht stattdessen darum, dass jeder beitragen kann mit individuellen Fähigkeiten, Begabungen, Ideen. Um herauszufinden, wo man eigene Fähigkeiten nutzbringend einsetzen kann, lohnt es sich, hinzuschauen: Wer macht denn schon etwas und was? Mut hat auch mit Gemeinschaft zu tun – und wächst mit Herausforderungen, entsteht aus Engagement und sich kümmern … und wird irgendwann zur Selbstverständlichkeit, wenn man sich nicht abschrecken lässt von Hürden.« Luisa Neubauer
»Die Sache mit dem Mut und dem Muskel hat viel mit mir zu tun, in meinem Engagement. So schiebt sich das gegenseitig an und voran. Das Zusammenkommen bei ‚Creatives For Future‘ ist das Entscheidende: Man muss kein Experte sein, sondern nur Lust haben, etwas zu tun.« Stefan Bergmeier
»Junge Menschen sind zunehmend auf der Suche nach sinnstiftenden Berufen, nach Werten. Hier können wir als Netzwerk im Design unterstützen: Für Schulterschlüsse zwischen Politik, Wirtschaft und Gestaltung.« Bettina Otto
»Ich habe irgendwann ein Fragezeichen gesetzt hinter die Annahme ‚Irgendwer kümmert sich schon‘. Und dann fallen einem ganz viele Dinge ein, die eine Person mitbringen müsste, um sich zu kümmern. Diese Person gibt es nicht – das ist immer man selbst. In allen Krisen ist es vielleicht die größte Freiheit, hinzuschauen und es zu versuchen. Und dass ich diese Welt so sehr liebe, um für ihren Erhalt weiter zu kämpfen. Es geht um all das, was man liebt.« Luisa Neubauer
Mittel, Zweck, Verantwortung - Design macht's möglich
Statements aus einem improvisierten Panel mit Martina Bräm, Jan Schwochow und Julia Peglow/Moderation:
»Ja, man könnte verzweifeln angesichts der Flut an Mist, die auf uns einprasselt. Man stößt auf eine große Menge an ‚Dunkler Materie‘; als Journalist ist für mich die Suche nach der Wahrheit wichtig, die möglichst große Annäherung an 100%.« Jan Schwochow
»Man muss junge Menschen einbinden, sie haben Freude am Lernen, das wird zuwenig gesehen und ernstgenommen. Leider auch von den Medien – das stimmt mich positiv, was den Erkenntnisgewinn angeht. Denn wir lernen voneinander.« Marina Bräm
»Wir brauchen definitiv mehr visuelle Kompetenz. Viel von dem, was wir machen, hat mit Design weniger zu tun als mit der korrekten und intensiven Aufbereitung von Daten. Diese Kompetenz muss ebenso gestärkt werden.« Jan Schwochow
»Wir müssen jungen Designerinnen und Designern Mut machen: Zur Kontroverse, denn Designerinnen und Designer sind Autor:innen und müssen sich mit den Inhalten auseinandersetzen. Das muss sein, denn nur so können wir auch Verantwortung übernehmen. Verantwortung gibt es nicht nur dem Auftraggeber gegenüber, der bestimmte Inhalte übersetzt haben möchte. Ohne Wertschätzung und der eigenen Verpflichtung zur Wahrheit, ohne gelegentliche Kontroversen und Kooperation und Herausforderungen geht da nichts. Insofern sind wir einem guten Prozess mit Weitsicht und Transparenz verantwortlich.« Marina Bräm
»Es ist immer Dialog, Teamarbeit, Überzeugungsarbeit, Kompromiss, Dialog und Diskurs, um das Beste rauszuholen aus einer gestalterischen Aufgabe. Wir haben durchaus auch schon Aufträge abgelehnt, weil wir uns nicht auf gemeinsame Standards einigen.« Jan Schwochow
Infografik als Werkzeug der Desinformation
35 Jahre Erfahrung als Infografiker, Journalist, Gründer von Golden Section Graphic, heute Infographic Group und größte Agentur für Infografik, heute Publizist, Dozent und kreativer Kopf von Scrollytelling: Das ist Jan Schwochow, der sich mit den kritischen Aspekten von Infografik auseinandersetzt, sozusagen mit deren »Dunklen Seite«, insbesondere in der politischen Kommunikation.
»Wir erleben täglich, dass eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird.« Durchgehend negativ interpretierte Statistiken zur wirtschaftlichen Lage waren der Anstoß für Schwochow, sich mit der Korrektheit der Dateninterpretation zu befassen: »Ich wollte wissen: Ist das so, dass Firmenpleiten exorbitant zunehmen?« Ein LinkedIn-Post zum Thema bescherte dem Infografiker weit über 100.000 Impressions: Ein klares Signal, dass er mit seiner Kritik am Interpretationsspielraum einen Nerv getroffen hat. Aus einer Gegenüberstellung verschiedener Zeiträume und deren Daten ergibt sich: Die Zahl der Firmenpleiten ist mitnichten »explodiert«. Was bleibt: Eine Interpretation – möglicherweise mit zuviel Spielraum, wenn Kontext und Relation ignoriert werden.
»Das hat mich so animiert, dass ich mich zwei Tage hingesetzt und soviel Daten wie möglich gesucht habe, um das genauer zu erklären.« Die Beschäftigung mit den Fakten und die Übersetzung in Grafiken führte zu interessanten Ergebnissen: Dass mehr Unternehmen hinzukommen als verschwinden. Dass die Zahl der Pleiten tatsächlich nicht zugenommen hat. 100.000 neue Gewerbeanmeldungen pro Jahr stehen einem einstelligen Prozentsatz von Insolvenzen gegenüber. Ist das überhaupt noch relevant für eine Aussage, die ein negatives Wirtschaftsklima unterstellt?
Weitere Daten wie Unternehmensgröße und -alter, Gesetzesänderungen und deren Auswirkungen, Anzahl von Beschäftigten je Insolvenz, Firmentypen und Gesellschaftsformen gehören zur korrekten, aussagefähigen Interpretation von Daten dazu – und daraus ergibt sich ein völlig anderes Bild: Lediglich sechs Großinsolvenzen, überwiegend sind kleine Unternehmen von Insolvenzen betroffen. Auch das – mit Blick auf die sechsstellige Zahl von Neugründungen eher nachrangig.
Wirtschaft verstehen, aber bitte: »Kein Grund zur Panik.« meint Jan Schwochow dazu und kritisiert Angstwörter im Kontext solcher Nachrichten: Gewinneinbrüche, Krise, ein Vokabular, das im krassen Gegensatz zu Fakten steht. Denn z.B. die Dividende von Volkswagen hat sich in den letzten 20 Jahren vervierfacht. Auch die Verzerrung von Kriminalstatistik ist ein Problem: Eigentlich, so Schwochow, »kann man die Daten gar nicht nehmen als Grundlage«, weil sie inkonsistent sind, nicht kontinuierlich ermittelt werden, aus sehr unterschiedlichen Quellen stammen – und im Ergebnis die Aussage dergestalt verzerren, dass die Statistik eigentlich nicht mehr benutzbar ist.
Das Problemfazit besteht aus mehr: Begrenzte Aufmerksamkeitsspannen, Missbrauch von Informationen, vereinfachte Botschaften im Gegensatz zu komplexen Sachverhalten, Ignorieren oder Nichtbeachten wissenschaftlicher Erkenntnisse, Manipulation von Informationen, subjektive Wahrheiten, die Rolle der Medien – und die Unterscheidung zwischen Meinung und Fakten.
Wie also könnte die inhaltliche Lösung aussehen? Faktenchecks, möglichst live. Kritisches Denken bei jungen Menschen fördern, Quellenangaben zur Frage, wer Daten ermittelt und erstellt hat, ein Zertifikat für vertrauenswürdige Quellen, in der Medienbranche/Print Gremien wie z.B. der Deutsche Presserat. Für Gestaltende heißt ein Lösungsansatz »Visual Storytelling«: Eine Moderation und Erklärung von Daten. Kurze Videoformate in TikTok und YouTube tauglichen Formaten. Bildkacheln und Slides in Folge (Erfolgsmodell Quarks) für LinkedIn und Instagram.
Scrollytelling, unser eigenes Projekt, in dem wir mit Tools wie Mapbox, Flourish, Shorthand Informationen in Scrollies übersetzen: Eine geführte Vermittlung durch die Einzelschritte von Informationen.
Stille im FatCat
… eine schweigende Minute, im Gedenken an Margot Friedländer, eine der letzten Holocaust-Überlebenden, die im Alter von 103 Jahren gestorben ist.
A graphic is never an end in itself; it is a moment in the process of decision making
A Moment In Decision Making
»A graphic is never an end in itself; it is a moment in the process of decision making.« Jacques Bertin
Information Design und Visuelles Storytelling sind die Passion von Marina Bräm, Expertin für Information Design; oft ist Betrachtern nicht klar, welche komplexen Inhalte und Strukturen hinter der Visualisierung von Informationen steckt. »Ein Schlüsselmoment war für mich meine eigene Verankerung in Design – und der daraus resultierende Gedanke, Knowledge Design daran anzuknüpfen, also Design mit Wissenschaft zu verbinden.«
Das Foto ihres Schreibtisches illustriert den Prozess der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Kompetenzen aus sehr unterschiedlichen Bereichen: Visuelle Strukturen zu finden, redaktionelle Inhalte zu kombinieren mit wissenschaftlichen Fakten, das ist Teamarbeit, Gemeinsamkeit. (Ein Brückenschlag zur generellen Thematik der DIVE’25: Gemeinsamkeit.)
Aus einem textlastigen grafischen Briefing heraus demonstriert Marina Bräm, wie Inhalte, Kontext und Aussagen miteinander verknüpft werden zu einer Infografik, die Orientierung bieten kann – indem sie ein visuelles System schafft, das einfach »zu lesen« ist als reine Texte.
»Wie holen wir Leserinnen und Leser über ein kleines Detail ab, um ihnen Zugang und quasi Eintritt zu einer komplexen Thematik zu ermöglichen?« Kleinere Fakten geben impacts, können über Verständnis des in Infografiken übersetzten Inhalts neue Perspektiven bieten und Alltagsverhalten beeinflussen. Schwierig daran: Mitunter bestehen Briefings aus riesigen Datensätzen, die von Marina Bräm mit Wissenschaftlern geprüft werden, um überhaupt erst einmal herauszufinden, was kommuniziert werden und »in kleine Infopakete gepackt werden soll«.
Diese Systematik knüpft an Kreativität an, ist eng und untrennbar mit ihr verbunden: Um Denkprozesse anzustoßen, ohne zu polarisieren. Um Kenntnisse zu vermitteln, Zusammenhänge aufzuzeigen, visuell weiterzuentwickeln, zugunsten lesbarer Strukturen und eines Mehrwerts an Information und Lernen, ohne dabei Fakten zu verzerren oder im worst case falsche Aussagen zu transporieren.
A fine young lady from 1969…
…so stellte BEDA Präsidentin Christina Melander ihre Organisation vor. BEDA steht für Bureau of European Design Associations, Ziel ist es, Design in Europa als Motor für nachhaltiges Wachstum und Wohlstand zu etablieren. Je höher Design im politischen System der EU angesiedelt ist, desto mehr kommt in den Ländern an. Noch aber wird die wichtige Rolle von Design nicht genug wahrgenommen, es geht zu oft nur um Produktdesign und Mode, andere wichtige Disziplinen wie Digital Design, Servicedesign, Social Design… kommen gar nicht oder nur am Rande vor. Ebenso wie kleinere Designbüros, die in Studien zu oft nicht berücksichtigt werden. »Wenn die EU (und die dänische Regierung) über unsere Wettbewerbsfähigkeit (mit den USA und China) sprechen ist Design nicht per se Teil der Gleichung, das muss sich ändern«, so Christina Melander, die hauptberuflich Director of Digital Transition beim Danish Design Center in Kopenhagen ist. Damit Design zum »Global Powerhouse of Design for sustainable growth and prosperity« wird, muss noch einiges passieren.
• Optimism and confidence to the European design sector. Change the narrative
• Identify the focus and stick to it. If we are everywhere we are nowhere
• Dream big and be pragmatic at the same time
• Search for better data
Das sind nur einige der Punkte, die bei der energiegeladenen Christina Melander auf der Wunschliste stehen. Sie wird es anpacken.
Antje Dohmann
Designing Design Education – Impulse für ein neues Curriculum
Designing Design Education
Angelika Nollert/Direktorin Neue Sammlung München und Christoph Böninger/iF Design Foundation - über Designausbildung und Impulse für ein neues Curriculum:
250 Teilnehmende, Hunderte von Fragen an sie zur Zukunft des Designs, zur Rolle des Studiums und der Ausbildung – mit einem bemerkenswerten Resultat, das die Forschungsstudie der iF Design Foundation 2022 veröffentlichte: »Das Weissbuch zur Zukunft der Designlehre« liefert Einblick in »es muss sich etwas ändern«. Gemeinsam mit Angelika Nollert hat Christoph Böninger das Weissbuch und seine unendlich vielen Zwischentöne ausgewertet. Ergänzung dazu: Die Studie des World Economic Forums über die wichtigsten Themen von Wirtschaft und Arbeitsmarkt, vor allem hinsichtlich Persönlichkeitsbildung und Skills von Arbeitnehmer:innen.
In insgesamt sechs Symposien und interdisziplinärer Arbeit ergaben sich zahlreiche neue Ansätze und ergänzende Erkenntnisse: Im November 2025 werden 30 Impulse aus sechs Arbeitsbereichen zusammengefasst als Buch erscheinen. »Designing Design Education« als Bausteine für eine mögliche Neugestaltung eines Curriculums der Design-Ausbildung.
»Wir haben als Designer Verantwortung in die Gesellschaft hinein. Dazu gehört die Überlegung auch in der Ausbildung, wie wir dieser Verantwortung gerecht werden können.« Ein Museum kann dabei durchaus verantwortlich, politisch und zukunftsfähig sein, meint Angelika Nollert. Sammeln, forschen, bewahren sind Schlüssel für die Art und Weise, wie ein Museum Inhalte zukunftsfähig machen, Skills bilden, Vertrauen und Kompetenz aufbauen kann; zugunsten und für eine neue Verantwortlichkeit, die sich in neuen Kommunikationsformen und Formaten widerspiegelt. »Wir wollen nicht nur gestaltete Resultate zeigen, sondern auch Prozesse der Gestaltung. Aus der Zusammenarbeit mit Auszubildenden, Studenten, Gestaltenden entstehen diese Einblicke. Wir wollen nicht nur als Bildung vermitteln, was wir an Gestaltung zeigen. Uns ist auch das Wie des Gezeigten wichtig, als Plattform für die Vermittlung, als politische Aufgabe, denn ein Museum ist auch ein gestaltendes Medium, ein Ort des Vertrauens und des Lernens..«
Zum Vormerken: am 20. November 2025, 19 Uhr wird das Buch »Designing Design Education« an die Neue Sammlung übergeben.
Let's talk: Designoffensive für die Bildung
Let's talk: Designoffensive für Bildung
Dr. Julia Pierzina, Prof. Claudius Lazzeroni und Veronika Burian (von links), im Gespräch mit Boris Kochan/Moderation - zusammengefasst in Statements der Runde:
»Etwas abzubilden, was wir über eine andere Codierung lesen, das finde ich spannend: Raum einnehmen, Geschlechter widerspiegeln, unterschiedliche Arten, Begriffe zu definieren und zu füllen.« Dr. Julia Pierzina
»Ich habe mich die ganze Zeit gefreut. Diese Notation, dieses Notieren, das Plädoyer für Handschrift, das ist die Brücke: Wir notieren in unseren Improvisationen – und daraus wird Klang; auf der Ebene des Improvisierens vergisst man z.B. ganz viel Genderkontext. Das ist spannend, sich auf der Metaebene zu treffen, nachzuhaken, inwieweit Gender jetzt eine Rolle für die eigene Ausdrucksfähigkeit spielt (…), das würde mich reizen, das in Improvisationsprojekte zu integrieren.« Prof. Claudius Lazzeroni
»Spannend, inspirierend, das Lesen von Buchstaben und Zeichen … das ist eine spannende Entdeckungsreise in die kulturübergreifende Interpretation, in multikulturelle Perspektiven von Handschriften, von Gender und Geschlechtlichkeit.« Veronika Burian
»Ich hab da eine Idee: Ich möchte sehr gern eine Exkursion machen – zur Schlossfabrik, und das zweigestaltig: Als Selbsterfahrung zum Ausprobieren. Und als Thinktank, was es braucht, um mit den Erkenntnissen und Erfahrungen politisch zu arbeiten; was können wir daraus entwickeln für Interessenvertretung, aber auch für die Designausbildung.« Boris Kochan
DRAMATURGIE des ZWISCHENRAUMES – Dynamische Notationsysteme in improvisatorischen Kontexten
Dramaturgie des Zwischenraums
Gestern war’s eine Art visueller, akustischer, motorischer Wundertüte: Die Improvisationsperformance, die das Publikum auf eine Sinnesreise unterschiedlicher Erfahrungsebenen mitnahm. Aus Licht, Raum, Klang und Zeit, transformierter Information, Spieltrieb, kryptischen Zeichen auf einem Board entwickelte eine Gruppe, deren Mitglieder sich gestern kennenlernten, ein improvisiertes Zusammenspiel. Eine Entzifferungsreise dynamischer Inhalte, eine Transformation von Information als spontane, gemeinsame Interaktion …
Prof. Claudius Lazzeroni, Mediendesigner und Spezialist für Interface Design, spielt – mit der Dramaturgie des Zwischenraums. Versucht, mit seinen Mitspielern das Regelwerk zur durchbrechen, den Zwischenraum zwischen Menschen, Klängen und Assoziationen neu zu definieren. Wahrnehmung von Farben und Raum ist ein zentrales Anliegen dieser Arbeit: Um gestalten zu können, muss man zunächst erfahren und erforschen, wie und auf welchen Ebenen Raum und Umgebung wahrgenommen werden.
Auch mit seinen Studenten geht Lazzeroni diesen Weg des erweiterten, künstlerischen Erkenntnisgewinns. Die physische Montage unterschiedlichster Ebenen aus Farben und Licht, aus Klängen, Raum und Wahrnehmung macht Notationen und Präzision der Gestaltung anders: Ein interdisziplinärer Austausch zum Aufbrechen eingefahrener Gewohnheiten und Denkansätze, eine neue Erfahrung, das aus der Konfrontation neu Gelernte in Gestaltung umzusetzen. Auseinandersetzung als Übersetzungsleistung, Notation und Interpretation des Übersetzten durch andere (in diesem Fall professionelle Musikerinnen und Musiker) , Konfrontation unterschiedlichster Eindrücke, eben Notationen: Ein inspirierender Weg zu Neuem.
»Was habe ich da gemacht, wie wird das genutzt?« Fragen, die wichtige Schlüssel sind für Gestalter – zur Erkenntnis, wie Geschaffenes, Gestaltetes eigentlich angenommen wird und wie das letztlich im Hinblick auf mögliche Zielgruppen funktioniert. »Man muss von seinem Ross steigen, gemeinsam verbindende neue Lernziele entwickeln, Wahrnehmung schärfen, Reflexion über Reizformen üben. Denn Improvisation ist eine Kernkompetenz für Gestaltende.«
Studie: Wie Jugendliche über Geschlecht denken
Genderdesign und -gerechtigkeit
»Genderdesignschule« - Julia Pierzina forscht über Geschlechtervorstellungen von Jugendlichen. »Wie zeige ich mich, wie ordne ich mich zu, mit welchen Ausdrucksmöglichkeiten kann ich das tun?« Geschlecht als Konstruktion und Geschlechtergerechtigkeit - Artefakte und Erfahrungen aus ihrer Forschung machen die eher abstrakten Begrifflichkeiten »anfassbar« und verständlich. In der Forschung wird Geschlecht oft als Differenzkategorie zwischen Mädchen und Jungen unterschieden. Das binäre Modell von Geschlecht ist Grundlage für Modelle der Ko-Edukation versus geschlechtergetrenntem Unterricht.
»Alex spielt supergut Fußball«. Augen zu, das ist die Aufforderung ans Publikum, Bilder im Kopf wachsen zu lassen. Welche Bilder im Kopf entstehen dazu? »Sam kann supergut zuhören. Kim würde gerne im Kindergarten arbeiten.« Sieht das Publikum drei Personen? Diese drei Sätze waren stellvertretend für Input, den Julia Pierzina an Jugendliche herantrug, um mit ihnen zum Thema Geschlechtervorstellung zu arbeiten. Design und Wissenschaft, die »gerne als Antipoden betrachtet werden«, sind für Pierzina dabei kein Widerspruch. im Gegenteil: Aus der Integration dieser sehr unterschiedlichen Ansätze entwickelt sie als Interventions- und Schnittstellendesignerin neue Modelle.
Die Artefakte Sprache und Wissen, Mimesis, Gruppen und Binarität, Aussehen, Selbstbewusstsein bilden die Grundlage für Gendervorstellungen – und nicht zuletzt für Gendergerechtigkeit. Komplexe Begrifflichkeiten brauchen Übersetzung für Verständnis, konkreten Bezug zu sozialer Korrektheit, die ohne dieses Verständnis nicht möglich ist. Mimesis als Modell des Nachahmens, der Möglichkeit zu Rück- und Zirkelschlüssen und damit der Einordnung geschlechterspezifischen Verhaltens: »Unpassendes halten Jugendliche schwer aus. Daraus entwickeln sich zahlreiche Missverständnisse, die eigentlich aus Erwartungen an das andere Geschlecht entstehen.«
Ein komplexes, teils sperriges Feld; Sprache und Wissen sind der erste Ansatzpunkt zur Lösung zahlreicher Probleme. Brückenbau ist Julia Pierzinas Stichwort, die im International Gender Design Network arbeitet - aus der Erkenntnis: »Es gibt viel zu tun. Ich wünsche mir, dass das Ganze kein Nischenthema bleibt: mit welchem Konzept von Gendergerechtigkeit gestalten wir?«
Designoffensive für die Bildung, oder: Das Designtag-Projekt »New Education Circle«
New Education Circle - Designoffensive für Bildung
»Immer dann, wenn ich meine Rolle wechsele, ziehe ich mein Jackett an.« Als Präsident des Deutschen Designtags plaudert Boris Kochan in lockerem Ton über ein ernstes Thema: Design und Bildung. Die Erfahrungen eines Projekts in Seoul eröffnen eine neue Perspektive; in vier Jahren Studiengang werden die Studierenden zunächst auf die Müllhalden Seouls geführt. Eine sehr andere Art, mit Bildung und Ausbildung umzugehen: Gesellschaftlicher Input, Erleben, Neues schaffen aus Altem – eine beeindruckende, sehr prägende Erfahrung für die jungen Menschen, Design Education sozusagen.
Auch in Armenien gibt es interessante, schulbegleitende Initiativen, in denen Schülerinnen und Schüler in altersgerechter Form an alle Themen herangeführt werden, die sie interessieren. Ein Weg, der zukunftsweisend sein könnte und ist, auch hierzulande. 15 Skills aus einer Studie des Work Economy Forums listen auf, was Arbeitnehmer brauchen, um bestehen zu können. Aus der Kombination dieser Projekte ergibt sich für Boris Kochan und den Designtag jede Menge Input, den eigenen Blick zu öffnen für neue Wege, für Interaktion und Inspiration.
»New Education Circle« - ein spannender Ansatz für (Aus)Bildung und … das Leben und den großen Rest. Design kann das.
Schrift verbindet – Primarium und die Typologie der Handschrift weltweit – Ein internationaler Blick auf Schulschriften, Traditionen und pädagogische Praxis
Schrift verbindet ....
»Unser Ziel war immer, weltweit eine Art Schnappschuss des Schulschreibunterrichts zu erstellen. Was passiert tatsächlich on the ground, das haben wir in Gesprächen mit Lehrern und Schülern erforscht.« Veronika Burian/Typetogether ist passionierte Type Designerin mit großer Leidenschaft, die Entwicklung, Einflüsse und Verbindungen zu erforschen, die durch Schrift möglich werden und entstehen.
Von der preußischen Bildungsreform des 18. Jahrhunderts und der damit verbundenen Einführung eines Schreibunterrichts über die Hygienebewegung des 19. Jahrhunderts entwirft Veronika Burian einen spannenden Bogen der Schreibkultur: Schreiben als Voraussetzung für geistige und körperliche Gesundheit, Handschrift aber auch als Ausdruck persönlichen Stils, Bildung und Kultur.
Die Entwicklung begleitender Schreibvorlagen, von verbindlichen Regelungen und Schriftstilen wie Sütterlin bis zur Normalschrift gehört zu diesem Einblick dazu: Verschnörkelte, komplizierte Großbuchstaben, »das funktionierte nicht für Kinder«. Ein Grund, ein vereinfachtes Alphabet für Kinder zu entwickeln, das später in ein komplettes Schreibsystem erweitert wurde. Erheblicher Zeitaufwand und kognitive Anstrengung zum Lernen des Verschnörkelten, die Erkenntnisse aus dem Umgang mit diesem Weg des Lernens führte zur Vereinfachung und Reduzierung, um Alphabetisierung schneller und konsequenter zu ermöglichen.
Dabei sind ausreichende Buchstabenkenntnisse grundlegend – für die Verbindung der Gehirn-Hemisphären und ihrer unterschiedlichen Funktionen. Schreiben lernen verbessert vor allem die Konnektivität des Gehirns; ein erweitertes Vermögen, gelernte Informationen abzurufen, motorische Fähigkeiten zu trainieren, das Gedächtnis zu trainieren, Selbstbewusstsein zu entwickeln und generell Lesen, literacy und Schreibvermögen als Kulturtechnik zu lehren und zu lernen.
Aus unterschiedlichen Modellen der Schreibschrift, unterschiedlich gezeichneten Buchstaben, Strichanzahl, Reihenfolge und Richtung, Art der Verbindung des Handschriftlichen, widmet sich das PlayWrite Projekt der Entwicklung neuer und grundlegender Formmodelle. Sie weisen ähnliche Konstruktionskriterien der Handschrift auf. Internationale Unterschiede in Schrift und Handschrift miteinander zu verbinden, Schreibstile in Form und Ausführung zu integrieren – eine spannende Herausforderung zukunftsorientierter Schriftprojekte – und daraus folgend eines Schreibunterrichts.
Handschrift, Selbstbewusstsein, Schrift als Gestaltung für Gesellschaft und Demokratie also? Ja – als Ausdruck eigener Persönlichkeit, als Form von Kommunikation, als »Fingerabdruck« eines Individuums: in den Panels von gestern tauchte das Wort »Selbstwirksamkeit« auf. Handschrift, händisches Schreiben, Notizen schaffen nicht nur auf der persönlichen Ebene Entwicklung und Weiterentwicklung, sondern vor allem eine intensive(re) Verbindung zu Inhalten.
Zum Schluss sei eine beeindruckende Zahl genannt: 5 - 6 Millionen Downloads der entwickelten digitalen, insgesamt rund 60 Fonts. Food for thought.
9:45 Uhr Einführung in den Tag
Ankommen. Kaffee trinken. Platz nehmen.
Tag 3 der DIVE’25 mit einer gewissen Anreisehakeligkeit, weil die zauberhafte Stadt München die Stammstrecke stellenweise erneuert. Ausreichend Kaffee und Tee für alle, der Saal füllt sich, die Spannung steigt.
Ein Workshop, Diskussionen über Designoffensiven für Bildung, die verbindende Wirkung von Schrift und Handschrift, Information und Desinformation, Design Education, Design Policy, Bilder im öffentlichen Diskurs … vielfältige Themen, ein pralles Programm voller Inspiration erwartet uns. Mit einem Stargast: Lisa Neubauer mit einer live zugeschalteten Keynote und anschließender Diskussion.
Übrigens: Draußen vorm Gasteig informieren Gäste aus Frankfurt über die »World Design Capital Frankfurt« mit einem Werkstattwagen über das spannende Projekt.
Stay tuned and enjoy your day.
Branding zwischen Wertschätzung und Wertschöpfung, Greenwashing und Glaubwürdigkeit
Julia Peglow / Moderation, Martin Summ, Uli Mayer-Johanssen, Frank Wagner und Dirk Huesmann (von links) – zusammengefasst in Statements der Runde:
Auf die Frage von Julia Peglow wie die Welt des Brandins aussah, als Uli Mayer-Johanssen (Metadesign gegründet 1979) und Frank Wagner (hw.design gegründet 1995) anfingen:
1990 gab es nur Werbeagenturen in Deutschland. Für mich war der entscheidende Punkt herauszufinden, dass das Visuelle strategischer Natur ist und eine konzeptionelle, strategische Ausrichtung des Themas Gestaltung anzugehen. Uli Mayer-Johanssen
Die Zeit damals war geprägt von Werbeagenturen einerseits und Designstudios andererseits. Es ging darum, Design strategisch zu begreifen. Wir sind über das Thema Financial Reporting sehr schnell zum Thema Corporate Branding gekommen. Reporting ist zwar vor allem das Wiedergeben von Zahlen, aber doch auch eine strategische Unternehmenskommunikation. Frank Wagner
Und was sagt die zweite Generation Dirk Huesmann (seit 1997 bei wirDesign) und Martin Summ (seit 2000 bei Kochan & Partner) dazu?
Als ich zu wirDesign kam, fand gerade dieser Umbruch statt: weg von reiner Grafik und marketinggetriebener Kommunikationskonzepte hin zu mehr Strategie. Corporate Design war damals das Thema, heute geht es natürlich mehr um Identität. Und um eine Ausrichtung weg vom Schein hin zum Sein. Marken aufzubauen, die nicht nur behaupten etwas zu sein, sondern möglichst kongruent zu dem sind was sie tun, ist eine spannende Herausforderung, bei der wir schon sehr tief in der Unternehmensstrategie stecken – das ist unsere Lieblingsstelle. Dirk Huesmann
hw.design und Metadesign waren beides Vorbilder und zugleich Hassobjekte. Weil sie so elitär waren. Ist das, was sie für Audi, DHL, BMW und andere große Unternehmen tut nur ein Thema für die ganz Großen, die auch viel Gestaltungsmacht haben oder ist es nicht auch ein Thema für kleinere, unbekanntere Unternehmen? Ich habe neidvoll auf die großen Kunden geguckt, aber eigentlich war ich an den kleinen mehr interessiert. Deshalb haben wir uns schon sehr früh auf mittelständischer Ebene positioniert. Vielleicht kann man auf dieser Ebene, auf der es fast noch eine 1:1 Beratungssituation gibt, sogar mehr bewirken als bei einem globalen Konzern. Außerdem glaube ich nicht, dass wir es auf Konzernebene aushalten würden und die uns auch nicht. Martin Summ
Wie verlief der Erkenntnisweg vom Branding zur Nachhaltigkeit?
Bei mir lief er über das Thema Werte und Haltung. Bei Strategie geht es nur um eine klare Zielsetzung, aus der dann Wege abgeleitet werden, wie man diese erreichen kann. Ein ganz entscheidender Punkt ist aber, dass wir die Menschen erreichen und mitnehmen müssen. Wenn die Führungskräfte drei Sätze zur Unternehmensvision postulieren und eine Kampagne daraus machen reicht das nicht. Es ist ein Prozess, Menschen müssen verstehen wohin es geht. Das war auch meine Entwicklung, zu verstehen, wo entsteht die Kraft im Unternehmen. Dann landet man ganz schnell bei Werten, einer Haltung und der Frage, wie man überhaupt führen kann. Führungskräfte haben die Verantwortung Räume zu schaffen, in denen andere sich entwickeln können!
Was den Zustand der Welt angeht, hat auch Design eine Verantwortung. Wir manipulieren Menschen, damit müssen wir anders umgehen und eigentlich den Designbegriff völlig neu aufladen. Sonst machen wir weiterhin Greenwashing und das kann nicht gut gehen. Uli Mayer-Johanssen
Ich hatte irgendwann die Erkenntnis, dass wir uns alle miteinander in einer großen, globalen Transformation befinden. Für Unternehmen ist es essentiell, sich dem Thema zu stellen und wir als Designer haben gewisse Hebel dafür. Wir können Unternehmen helfen, die es vielleicht noch nicht so gut machen, denn selbst wenn man will, ist es oft nicht leicht, sich zu verändern. Wir können dazu beitragen, in dem wir die richtigen Fragen stellen und die richtige Strategie entwickeln.
Als 2015 die erste Ausgabe unseres Magazins »Nomad« erschien, hatten wir alle schon die Erfahrung gemacht, dass Design als oberflächliches Metier verstanden wird. Damit wollten wir uns nicht abfinden, wir haben ja gesehen, was für ein Potential dahinter steckt. Bei den Menschen selbst, bei dem Thema selbst und in der Art und Weise, wie wir als Sparringspartner mit Unternehmen oder Institutionen arbeiten können. Das fokussierend war die Aufgabe für »Nomad«. Der Nomade, der immer wieder neue Standpunkte und Positionen sucht um seine Existenz zu sichern. Anfänglich war es eine rein deutsche Ausgabe, wurde dann aber schnell international, weil es so eine viel größere Gruppe von Protagonisten gibt, die einen erweiterten Designbegriff leben. Das Ziel von »Nomad« ist letztlich, einen anderen Designbegriff zu etablieren und zu zeigen, welche Kraft hinter all diesen Kompetenzen steckt, um die Welt ein Stück weit zu verbessern. Denn letztlich können wir alle dazu beitragen, den gesellschaftlichen Wandel voran zu treiben. Frank Wagner
In den 1990er Jahren habe ich mein Vordiplom zum Thema »Die Zukunft von Design« gemacht. Da ging es aber mehr darum, ob die Garamond oder eine andere Schrift Zukunft hat. Dann sind wir darauf gekommen: Designer werden Dinge verändern und sie werden dafür bezahlt werden. Dann habe ich BWL studiert, da ging es um Werte und um die Wirtschaft. Als ich bei wirDesign anfing haben wir begonnen unser eigenes Unternehmen aufzubohren, um mehr Menschen mit ihren jeweiligen Qualifikationen herein zu holen. Denn es geht um viel mehr als um Ökologie. Mit den paar Stunden Kilowattstunden Strom, die wir sparen, haben wir nicht wirklich einen Hebel. Wirklich nachhaltig zu sein bedeutet, ein gutes Beispiel für die Gesellschaft zu sein: Etwa wenn wir 100 Leute mit einem guten Gehalt, in einer guten Umgebung, mit stabilen Werten (mit dem Mindset ich muss ein bisschen auf die Welt aufpassen) in die Welt entlassen. Dirk Huesmann
Ich habe mich an dem orientiert was ich hatte. Das war der Boris. Der war schon immer eine starke Inspiration, er hat aus meiner Sicht nur das Falsche gemacht: Sehr stark Design mit gesellschaftlicher Verantwortung kombiniert. Das konnte er, weil er eine andere Sozialisierung hatte und immer auch ein bisschen Klassenkampf damit verbunden hat. Das fand ich bewundernswert, aber den falschen Hebel. Mein Ansatz war, Unternehmen dahin zu bringen, sich nachhaltig zu verhalten. Weil die einen wirklichen Hebel haben. Ich habe keinen und Design auch nicht, wenn die Unternehmen nicht mitspielen. Ich habe also Boris Haltung aufgenommen und für mich weiterentwickelt. Wir haben bei Kochan & Partner heute ein einfaches Motto: In jedem Unternehmen steckt noch ein besseres. Wir müssen nur klären welches und wie wir es ans Licht bringen. Martin Summ
Auf die Fragen von Moderatorin Julia Peglow: Wie bekommen wir eine systemische Verankerung von Werten, Wertemodellen und Marke in die Unternehmen? Wie kann es gelingen, dass Marke in Unternehmen auch wirklich gelebt und in Handlungen übersetzt wird?
Bei Metadesign war der Schritt hinein ins Unternehmen, um Prozesse zu gestalten, sehr früh Teil unserer Arbeit. Wir haben das nicht den Vorständen überlassen. Im Gegenteil, wir haben versucht, aus allen Hierarchien Teams zusammenzustellen um dann gemeinsam unsere Vorstellung von der Zukunft zu formulieren. Leider entstand in den Unternehmen dann sehr oft das Gefühl alles getan zu haben. Und dann wurde der Prozess gestoppt, es ging nicht weiter. Ein tolles Erlebnis war unsere Arbeit mit der Otto Group, 129 Unternehmen, 24.000 Mitarbeiter. Ich durfte den Prozess begleiten, als man das erste Mal versucht hat, diese ganzen Unternehmen zu bündeln. Am spannendsten war die Arbeit mit den blue collar workern, die wollten wirklich Veränderungen. Aber natürlich braucht es in Unternehmen auch ein Budget um diesen Entwicklungs- und Verständnisprozess weiterzutragen und sich auf Neues einzulassen. Es braucht Entwicklungsräume.
Strategische Markenprozesse schaffen Möglichkeitsräume. Um zu beschreiben wo man hingeht und warum man da hingeht. Und dann gemeinsam dieses Ziel zu verfolgen. Diese Art zu arbeiten war schon sehr früh in der Metadesign DNA, leider war häufig das Geld weg. Erst kam McKinsey, die haben einen großen Teil des Budgets abgeräumt. Für uns war dann noch ein kleiner Teil da und dann war das Geld alle. Dann hat man Kampagnen geschaltet, aber mit Kampagnen kann man Menschen nicht in einen Transformationsprozess führen. Heute ist es etwas einfacher zu vermitteln, dass Strategie, Kommunikation und Design im Einklang stehen und von Anfang an gemeinsam gedacht werden müssen. Uli Mayer-Johanssen
In den letzten 20 Jahren hat sich einiges getan. Wir erleben heute mehr Unternehmen, die bereit sind, sich zu öffnen. Die verstanden haben, dass Frustration vorprogrammiert ist, wenn man Menschen nicht mit in den Prozess nimmt. Ein wichtiger Treiber war in den letzten zehn Jahren der Fachkräftemangel, der das Thema Marke enorm puscht. Es geht darum, Menschen für ein Unternehmen zu begeistern, sie in die Lage zu versetzen, die Marke zu verstehen und in diesem Unternehmen arbeiten zu wollen. Unternehmen, die Arbeitskräfte suchen, brauchen Designer um ihre Kultur und ihre Marke nachzuschärfen. Da gibt es dann auch ein Budget, weil die Etats plötzlich in ganz anderen Stellen im Unternehmen zu finden sind. Dirk Huesmann
Vor 20 Jahren wurde der Fehler gemacht, dass das Thema Werte als Managementtool eingeführt wurde und lange auf diesem Managementlevel blieb. Heute beziehen wir die intrinsische Motivation der Mitarbeitenden von vorne herein in die Markenführung mit ein. HR, Personalrat, Menschen, die vielleicht nur Markenbotschafter oder langjährige Mitarbeiter sind, alle sind in den Markenprozessen gleichberechtigt zum Managementlevel. Wir arbeiten viel für familiengeführte Unternehmen, da ist es unerlässlich die Prozesse zu demokratisieren und nicht von oben nach unten eine Marke zu deklinieren, diese dann zu implementieren und dann zu hoffen, dass etwas entsteht. Auf diesem Weg helfen uns heute auch Soziale Medien, weil sie partizipativ sind und sich dort nicht nur Vorstände äußern, sondern Corporate Influencer. Die sind ohnehin meist spannender und authentischer und werden immer öfter unsere Gesprächspartner. Markenführung ist heute kein Top Down mehr, sondern viel demokratischer geworden. Martin Summ
Antje Dohmann
Kann man Wahrheit gestalten? Nachhaltigkeit in der Markenstrategie
Design ist keine Haltung, Design zeigt Haltung
»Branding ist Manipulation, Branding ohne Haltung ist Betrug«. Mit diesen provozierenden Aussagen war Martin Summ, Geschäftsführer bei der Münchner Brandingagentur Kochan & Partner, die Aufmerksamkeit des Publikums gewiss. Aber wie manipulieren wir eigentlich? Können wir Wahrheit gestalten oder können wir gestalten, wenn wir die Wahrheit sagen? Manipulieren wir mit der Wahrheit oder mit einer Illusion? Fragen, denen Matin Summ in seinem Vortrag »Kann man Wahrheit gestalten? Nachhaltigkeit in der Markenstrategie« nachging. »Wir haben heute viele tolle Marken gesehen, die hatten alle ein Ziel: Der Menschheit möglichst viel Scheiss zu verkaufen, also den Konsum zu verstärken«, so der Geschäftsführer, dessen Agentur eher im Corporate Branding zu Hause ist. Hier geht es nicht darum, den Produktverkauf anzuregen, sondern darum, Unternehmen eine Identität zu geben – egal wie groß oder klein sie sind.
»99,3 Prozent der Unternehmen in Deutschland sind keine Konzerne und haben praktisch auch keine Marktmacht. Trotzdem brauchen sie ein Branding«. Wann immer Kochan & Partner ein Markenprojekt startet und damit beginnt, das jeweilige Unternehmen kennen zu lernen, behaupten diese fast stereotyp, dass Nachhaltigkeit schon immer Teil der Unternehmens DNA war. »Das ist in fast allen Fällen gelogen, denn wenn es so wäre, hätten wir jetzt nicht diese Welt, in der wir leben«, so Martin Summ. »Wenn wir nachfragen heißt es oft: na ja wir geben ja einen ESG Report heraus, obwohl wir nicht müssten. Nur weil ein Unternehmen einen solchen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht, ist es aber noch nicht nachhaltig, es dokumentiert nur, dass es verstanden hat was die Kriterien sind.« Inwieweit Nachhaltigkeit wirklich in das Geschäftsmodell verwoben ist, wollte Kochan & Partner genauer wissen und führte in Zusammenarbeit mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg die Studie »Nachhaltigkeit in der Markenstrategie des Mittelstands« durch.
Von 2000 angeschriebenen Unternehmen antworteten 400 auf die Fragen. Heraus kam, dass für 83 Prozent der Unternehmen Nachhaltigkeitsthemen für die Markenführung relevant sind. Dabei sind es vor allem operative Ziele oder taktische Vorteile, die sie sich aus der Kommunikation von Nachhaltigkeitszielen erhoffen, lediglich 16 Prozent gaben an, ein Gefühl der Verantwortung zu spüren. Und das, wo doch Nachhaltigkeit schon immer Teil der Unternehmens DNA war… »Das ist nicht weiter schlimm«, findet Martin Summ. »Man darf sich des Instruments ja ruhig bedienen, um seine Haltung auf diese Art und Weise zu transportieren. Man sollte nur auch eine Haltung haben.«
Kochan & Partner teilte die befragten Unternehmen in vier Gruppen – von Greenwashing bis Greenleading: Purpose Brands sind stark von ihrer Haltung getrieben, häufig aber ohne äquivalente Handlungsoptionen. Oder wie Martin Summ es formuliert: »Will man einen Sack Schrauben mit Purpose aufladen, hat man hinterher trotzdem nur einen Sack Schrauben.« Follower Brands folgen externen Anforderungen und Trends, Leader sind Marken, die Marktchancen erkennen und nutzen. Impact Brands schließlich, verbinden ihre Existenz und ihren Geschäftszweck mit der nachhaltigen Verbesserung der Welt. »Es gibt da durchaus einige Beispiele, aber leider auch den Trend, sich zur Impact Brand zu machen und es gar nicht zu sein.«
Da nur 16 Prozent sich dem Gefühl der Verantwortung stellen und auch in diese Richtung weitergehen, liegt der Schluss nahe, dass der Mittelstand an dieser Stelle sehr pragmatisch agiert und es mit der Haltung an ganz vielen Stellen noch nicht so weit her ist. Es geht eher darum die Kommunikation schon zu nutzen, um dann hoffentlich irgendwann einer Haltung ein Gesicht zu geben. »Wir waren über dieses Ergebnis schon etwas konsterniert, wir hatten gedacht, viele Unternehmen wären schon weiter. Aber ein Umdenken oder das Befreien von alten Mustern ist im Mittelstand scheinbar schwer umzusetzen«, resümiert Martin Summ.
Aber es gibt auch positive Beispiele. Etwa die Golding Capital Partners GmbH aus München, ein Unternehmen, das sich auf nachhaltige und wirkunsorientierte Investments konzentriert und für die Kochan & Partner seit einigen Jahren arbeitet. Allein neun Monate dauerte es, eine klare Vision zu formulieren: die Haltung des Unternehmens auf eine möglichst einfache Formel zu reduzieren: »We create impact for generations. local. regional. global«. Der dazu entwickelte Claim lautet »Make a difference« – ein Appell, der dazu auffordert, die smartere Lösung zu suchen, die bessere Entscheidung zu ermöglichen und das nachhaltigere Investment zu tätigen.
»Make a difference heißt, ich bin gemeint, ich muss den Unterschied machen«, so Martin Summ. »Das ist für die Finanzbranche erstmal radikal anders. Und auch die visuelle Umsetzung sagt – indem wir Unschärfe thematisieren – nicht Leistung aus Leidenschaft, sondern make a difference. Sie postuliert nichts, sondern wirft Fragen auf: Was kann ich tun? Was ist meine Handlung, wenn ich eine Haltung habe? Und diese Haltung wird eben nicht als bereits eingenommen gesehen sondern als Entwicklungsfeld.« Branding, so der Geschäftsführer, würde eben nicht mit der Außendarstellung beginnen, sondern mit der inneren Haltung und mit einer inneren Wahrheit.
Kochan & Partner erklärte den Sustainability Report von Golding zum Leitmedium und entwickelte eine Farb- und Bildwelt, die Fragen zulässt. Im ersten Jahr (2022/23) ging es um »Whybration«. Golding wollte nicht sagen, dass sie gut sind, sondern wissen, wie sie gut sein können. Ziel war es, die eigene Bewegung, die eigene Whybration zum Branding zu machen. Intellektuell zu sein, statt einfache Antworten zu geben. Im Jahr 2023/24 lautete das Thema »Valyou«, jetzt ging es nicht mehr nur um Golding, sondern auch um das Gegenüber und die Frage, welche Werte man gemeinsam schaffen kann. Golding liefert die Strategien für nachhaltiges Wachstum, aber es kommt vor allem auf den Partner an. »Sie können noch so viel erzählen, wenn die Investoren nicht mitmachen, wird es nichts«, sagt Martin Summ.
Der nächste Sustainability Report soll Abstraktion und Konkretisierung miteinander kombinieren und globale Wechselwirkungen darstellen. »Uns ist es auch gelungen, den Impactpfad von Golden Capital so zu visualisieren, dass man ihn verstehen kann. Wenn man etwas versteht, kann man nachfragen. Und wenn man nachfragt, muss man den Plan auch irgendwann mal erfüllen. So funktioniert Design als Treiber für die Umsetzung.«
Design ist ein Versprechen resümierte Martin Summ. Ein Versprechen an den Kunden, an das Team, an sich selbst. Design ist keine Haltung, zeigt aber Haltung. Wer dieses Versprechen lebt, der geht auch ins Risiko, denn wer Haltung zeigt, kann auch entlarvt werden. Wer dagegen keine Haltung zeigt, kann nur konsumiert werden. Es stellt sich also die Frage: gestaltet man die Wahrheit oder nur den Schein? Zum Schluss hatte Martin Summ noch eine Bitte: »Wenn du nichts zu sagen hast, dann gestalte auch nix. Und lass auch die KI nichts gestalten.«
Antje Dohmann
Marken brauchen Haltung!
1970 stellte der Ökonom Milton Friedman in einem Aufsatz für die »New York Times« seine Friedman-Doktrin vor, auch bekannt als die Shareholder-Theorie. Sie besagt, dass die Hauptverantwortung eines Unternehmens darin besteht, seinen Gewinn für die Aktionäre zu steigern. Unternehmen hätten keine soziale Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit, so Friedman, außer innerhalb der gesetzlichen Grenzen und im Wettbewerb ohne Täuschung oder Betrug zu agieren.
In seinem Vortrag »Marke ist Haltung – Verantwortung schafft Resilienz«, machte Dirk Huesmann, CEO der wirDesign communication AG, klar, dass die Situation heute eine ganz andere ist. Heute betreibt Politik auch Business und einige Marken, Patagonia zum Beispiel, sind ganz klar politisch. »Die gesellschaftliche Orientierung von Marken rückt in den Fokus, Marken können in Zukunft nur dann erfolgreich bleiben, wenn das zugehörige Unternehmen nachweislich Verantwortung gegenüber Umwelt, Gesellschaft und Mitarbeitenden übernimmt«, so Dirk Huesmann. Natürlich müssen Markenagenturen auch künftig ihr Geschäft erledigen, sie werden ja nicht plötzlich zu Unternehmen, die die Gesellschaft komplett verändern. Aber Unternehmen müssen Konsum und Verantwortung in den Fokus nehmen. »Es geht darum, resilienter zu werden, Marken die statisch sind werden in kürzerer Zeit nicht mehr relevant sein.« So sollten Marken bei ihrer Positionierung daran denken, dass sie diese in ein paar Jahren vielleicht wieder verändern müssen. Haltung beweisen und Transparenz aufweisen ist für Brands heute unerlässlich. Denn Menschen achten inzwischen stark auf verantwortungsvolles Markenverhalten. Sie goutieren es und strafen es auch ab – Tesla ist da ein eindrucksvolles Beispiel. Um 60,4 Prozent ist der Absatz von Fahrzeugen seit Anfang 2025 in Deutschland zurückgegangen. Man muss kein Genie sein um zu sehen, dass es dabei nicht nur um das Produkt und seine Leistung geht, sondern vor allem um die Haltung von Elon Musk.
Dabei geht es keineswegs um Gutmenschentum, sondern darum, ein gutes Unternehmen zu werden. Sich verbessern zu wollen, auch mit dem Risiko des Scheiterns. Das bringt auch einige Nachteile mit sich: Höheren Aufwand und Kosten etwa, interne Widerstände, einen Preisnachteil im Massenmarkt oder die Gefahr, unter Greenwashing Verdacht zu geraten. Aber die Vorteile überwiegen. So präsentieren sich Unternehmen, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen als attraktive Arbeitgebermarke, haben in der Regel eine starke Kundenbindung, ein überdurchschnittliches Wachstum und eine klare Differenzierung. Auch zeigen sie sich in Krisen widerstandsfähiger und haben einen besseren Zugang zu Kapital.
75 Prozent der Millennials wollen für Arbeitgeber mit Sinnstiftung arbeiten. Auch darauf reagieren Unternehmen. Vaude zum Beispiel ist Gemeinwohl zertifiziert und damit sehr erfolgreich.
Im Fokus von Unternehmen sollten auch die Themen Umweltverschmutzung und Klimawandel stehen, meint Dirk Huesmann, denn 85 Prozent der Verbraucher sehen darin eine Bedrohung. Unilever hat schon vor einigen Jahren angefangen, einen starken Fokus auf die Entwicklung nachhaltiger Marken zu legen. 69 Prozent des Unternehmenswachstums kommt inzwischen aus diesen nachhaltigen Marken, beispielsweise von Ben & Jerrys, die auf ihrer Website das Thema Aktivismus platzieren. »Beim Blick auf die Website muss man sich schon ins Gedächtnis rufen, dass es hier um Eis geht. Aber der Marke ist es gelungen, als gesellschaftlich relevanter Player empfunden zu werden«, so Dirk Huesmann.
Und wie geht wirDesign mit den aktuellen Entwicklungen um? »Vor etwa drei Jahren haben wir unter dem Titel Brand 3 angefangen darüber nachzudenken, wie wir starke Marken entwickeln und einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft erzeugen können – für Kunden und auch für unseren eigenen Purpose«, so der CEO. wirDesign nahm seine eigene Wertschöpfungskette unter die Lupe und schaute, an welchen Stellen das Thema gesellschaftliche Verantwortung in einer Design und Markenagentur überhaupt gespielt werden kann. Dazu mussten die Kreativen erstmal ihre eigene Haltung klären, herausfinden, wofür sie eigentlich stehen, etwa beim Thema Nachhaltigkeit. »Da ging es nicht nur darum, die Rechner und das Licht auszumachen, sondern darum, wie wir das Thema für uns weiterführen können. Wie wir ein ‚Inner Mindset’ formulieren, so dass wir Kundinnen und Kunden weiter gut beraten können,« berichtet Dirk Huesmann. Ergebnis ist das »Brand 3-Manifest«, das für eine neue Ära des Brandings steht. Eine Ära, in der wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand mit gesellschaftlicher Verantwortung geht. (Wer das Manifest lesen möchte schreibt an d.huesmann@wirdesign.de)
Damit nicht genug hat sich wirDesign 2024 erstmals als Unternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) zertifizieren lassen. Die »Economy for the Common Good« oder auch Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) ist ein Wirtschaftsmodell, das ein gutes Leben für alle Menschen auf einem gesunden Planeten zu seinem vorrangigen Ziel und Zweck macht. Im Mittelpunkt dieses Konzepts steht der Gedanke, dass werteorientierte Unternehmen auf das Gemeinwohl achten und sich für Menschenwürde, Solidarität und soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitbestimmung einsetzen.
»Als wirDesign blicken wir in eine Zukunft, von der wir nicht genau wissen, wie Design und Branding dort aussehen wird. Mit Brand 3 und der Gemeinwohl Zertifizierung haben wir uns zukunftsfit gemacht«, so Dirk Huesmann, der seinen Vortrag mit einem Aufruf beendete: »Lasst uns versuchen, gesellschaftlich orientierte Marken zu entwickeln, die nebenbei auch noch toll aussehen, super funktionieren und dem Zeitgeist entsprechen.«
Antje Dohmann
Design als strategischer Erfolgsfaktor – zwischen Anspruch und Realität
Irmgard Hesse, Prof. Philipp Thesen und Stephan Ott im Gespräch mit Claudia Friedrich/Moderation - zusammengefasst in Statements der Runde:
»Toll, dass wir jetzt diese Studie haben, denn es gibt nicht so viele Zahlen zu unserer Branche. Mich macht die Rücklaufquote von 2,86 Prozent nachdenklich. Scheinbar finden Unternehmen das Thema Design nicht so wichtig, es mangelt an Bewusstsein. Um das zu ändern brauchen wir Zahlen. Ohne eine saubere Datenbasis kann man einen CFO grundsätzlich gar nicht überzeugen. Wir müssen die Sprache der Leute sprechen, die im Unternehmen Geld verteilen. Und das sind nun mal oft Zahlen. Vielleicht haben wir uns als Branche zu lange gedrückt, passende Daten parat zu haben.« Irmgard Hesse
»Es gibt schon seit den 1990er Jahren Studien die belegen dass die Kosten für Design sinken, je früher man Design in einen Prozess einbringt.« Philipp Thesen
»Es reicht definitiv nicht, mal eine Studie gemacht zu haben. Erkenntnisse sind nicht in Stein gemeißelt. Verstetigung ist ein wichtiger Punkt.« Stephan Ott
»Selbst bei den Unternehmen, die sich über den Wert von Design klar sind, funktioniert nicht alles super. Es ist ein langer Weg. Ob der erfolgreich ist liegt auch daran, wie sprachfähig wir sind.« Philipp Thesen
»Das Spannendste an der Studie war für mich das Busch-Jaeger-Beispiel, weil hier auf der informellen Ebene so viel passiert ist. Will man Design als Prozess oder als System etablieren, ist es vielleicht kein Paradebeispiel, aber Busch-Jaeger hat in seiner mehr als 140jährigen Geschichte kontinuierlich Design in allen Bereichen des Unternehmens ganz hervorragend integriert.« Stephan Ott
»Viele Best Practice Beispiele definieren sich stark über Produktdesign. Unsere Aufgabe besteht auch darin zu zeigen, welche Kraft wirtschaftlich hinter Design steckt. Da ist unser Storytelling manchmal noch ein bisschen lahm. Aber Zahlen können helfen, das zu verbessern.
Hat man direkten Kontakt zu einem mittelständischem Familienunternehmen und ist das Thema Design ganz oben angesiedelt, wird es auch sehr gut verstanden. In Konzernen ist es viel schwieriger, da braucht man definitiv mehr Zahlen. Die Politik ist an der Situation nicht ganz unschuldig, im Koalitionsvertrag kommt Design überhaupt nicht vor. Es wird gar nicht wahrgenommen, als fantastische Möglichkeit, Geld zu verdienen.« Irmgard Hesse
»Der Rat für Formgebung hat bei der Studie »Design in Business« auf jeden Fall Interessen, die über das Design hinausgehen. Unser Anspruch ist, mit den Erkenntnissen, die in der Studie gewonnen wurden aus der Designbubble heraus zu kommen.« Stephan Ott
Antje Dohmann
Design in Business: Revolution von oben
»Was wir als Designer tun, sollte seinen Weg in die Welt finden.« So begann Prof. Philipp Thesen, Designer, Stratege und Professor für Mensch-System-Interaktion an der Hochschule Darmstadt, seinen Vortrag, in dem er die neue Studie »Design in Business« des Rat für Formgebung vorstellte. Diese entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Designforschung der Hochschule Darmstadt und basiert auf einer quantitativen Erhebung sowie vertiefenden Analysen von Best-Practice-Unternehmen.
Ein Problem des Designprozesses ist, dass er nicht abschließend rational erklärbar ist. Es bleibt etwas, was man Erfahrungswissen, Talent oder Intuition nennt. Ein Grund, so Philipp Thesen, warum Kreative gerne als Universaldilettanten bezeichnet würden. »Viele von uns genießen diese Unschärfe. Aber Menschen in der Industrie können damit schlecht umgehen. Es entspricht nicht ihrer Art und Weise zu denken und zu arbeiten.« Es fehlt also nicht nur an einem Verständnis dafür, was Design in Unternehmen leistet, sondern auch an einer gemeinsamen Sprache.
5.945 Designverantwortliche wurden in der quantitativen Befragung per E-Mail eingeladen. An der geringen Rücklaufquote von 2,86 Prozent (die einer Stichprobengröße von 170 Teilnehmenden entspricht) lässt sich erkennen, wie schwer es eigentlich ist, im Unternehmen diejenigen zu identifizieren, die für Design verantwortlich sind.
In diesem quantitativen Teil der Befragung ging es darum zu ermitteln, welche Bedeutung die Befragten dem Design in ihrem Unternehmen beimessen und wie sie selbst Design in ihrem Unternehmen einsetzen. Dabei wurden die vier Wirkebenen Differenzierung, Innovation, Transformation und Strategie getrennt behandelt und es wurde zusätzlich abgefragt, ob Designerinnen und Designer in diesen Bereichen intern oder extern tätig sind.
Die Studie macht deutlich, dass Design auf verschiedenen Ebenen Wertbeiträge liefert:
•Design erhöht den Umsatz eines Unternehmens und steigert den Markenwert, vergrößert den Marktanteil und verbessert den Return of Invest (ROI).
• Design baut Brücken zu den Kunden. Designer verstehen was Menschen wollen und können zwischen Technologie und Nutzerbedürfnissen Brücken bauen. Indem man Dinge gestaltet, die Menschen wirklich brauchen und zwar in einer Art und Weise, dass sie auch gebraucht werden können, werden sie erst wertvoll.
• Iteratives Arbeiten und das Einbeziehen von Nutzerfeedback führt dazu, dass man Dinge entwickeln kann, die Leute auch wirklich haben wollen. Es führt auch zu Innovationen.
»Wir als Designer müssen immer wieder verdeutlichen, was wir machen und was wir an Werten beitragen können. Das ist eine Art disziplinäre Diskriminierung, denn keine andere Disziplin, wie etwa das Controlling, muss das tun.«
Im folgenden qualitativen Teil der Studie, wurden neun ausgewählte mittelständische Best Practice-Unternehmen und deren Managementmodelle und Erfolgsfaktoren bei der Organisation ihrer Designaktivitäten vertieft untersucht. Philipp Thesen und sein Team reisten quer durch die Republik und führten viele Gespräche. Sie wollten zum Beispiel herausfinden, wie hoch der Impact von Design in der jeweiligen Organisation ist, in welchen Disziplinen Designer arbeiten oder wie breit der Einsatz von Designtechnik in der Organisation ist.
Eines der Ergebnisse: Keines der Best Practice Unternehmen ging auf die gleiche Art und Weise vor. »Es ist also extrem schwer zu sagen: auf diese Art und Weise funktioniert es, ahme es nach und es wird zum Erfolg führen.«
Die Ergebnisse der qualitativen Befragung setzte Philipp Thesen in Bezug zu den quantitativen. Dabei kam heraus, dass 79 Prozent der Befragten überzeugt ist, dass eine gute Gestaltung von Produkten, Dienstleistungen und Kundenerlebnissen unter anderem zu Benutzerfreundlichkeit, Differenzierung und Wettbewerbsvorteilen führt. Aber nur in gut 25 Prozent der befragten Unternehmen nehmen Designerinnen und Designer eine Management-Rolle ein und vermitteln zwischen den verschiedenen Disziplinen.
Die größte Rollensouverenität haben Designende in der Rolle der Formgebung, dort bekommen sie auch die höchste Wertschätzung von Kollegen – jeder sieht und versteht was sie tun.
Trotz hoher Designkompetenz in der digitalen Transformation sehen aber wenige der Befragten Designerinnen und Designer als aktive Gestalter von Transformationsprozessen – meist ohne Führungsverantwortung oder strategische Einbindung.
Interessanterweise hat die Befragung auch gezeigt, dass Design sehr effektiv ist, wenn es einen Protegé in der hohen Hierarchie Ebene eines Unternehmens hat. Wenn also Gründer oder Geschäftsführer ein persönliches Interesse daran haben und insbesondere, wenn Eigentümer an das Design glauben. »Design braucht sehr lange um wirksam zu werden. In Unternehmen, in denen Menschen ihr eigenes Geld ausgeben und nicht davon abhängig sind, ob in zwei oder vier Jahren ihr Vertrag verlängert wird, ergeben sich die interessantesten und langfristig erfolgreichsten Konstellationen.«
Viele Unternehmen verstehen Design als Innovationsmotor und versuchen das zu methodisieren, strukturell einzubinden und mit Designtechniken zu arbeiten. Noch sehr unterrepräsentiert ist aber der Gedanke, kreative Denkmethoden, Prototyping oder iteratives Arbeiten auch für die Ausrichtung des gesamten Unternehmens zu nutzen.
Es gibt also noch einiges zu tun. Viele Designerinnen und Designer erleben jeden Tag in ihrem Job, dass die strategische Verankerung noch viel zu klein ist.
»Design liefert auf sehr unterschiedlichen Ebenen Wertbeiträge«, fasste Philipp Thesen zusammen. Viele dieser Beiträge bleiben aber wirkungslos, wenn sie nicht sehr gezielt mit Governance und Budget ausgestattet und in die Prozesse eines Unternehmens integriert werden. »Je klarer man die Aufgabe von Design definiert, desto erfolgreicher ist es. Das war in allen Case Studies der Fall.«
Ein absoluter Killer für die Effizienz von Design sieht Philipp Thesen in einer Ambivalenz, die in vielen Unternehmen herrscht: »Auf der einen Seite wird gesagt unsere Designer sind im Produktmanagement angesiedelt, dort auch budgetiert und das was sie tun ist produktgebunden. Gleichzeitig hat das Unternehmen den Anspruch, Designer sollen tolle Experiences schaffen, die zu anderen Touchpoints passen und ein durchgängiges Erleben bieten. Dann soll auch noch etwas ganz neues dabei herauskommen, was einen anderen Spirit in die Organisation bringt. Dieser Stretch – wasch mich aber mach mich nicht nass – führt immer zu Frustration.«
Die Studie »Design in Business« zeigt ganz klar: es gibt nicht den einen Weg wie man Design gut führt, aber es gibt Unternehmen, die mit Design sehr erfolgreich sind. Die Voraussetzung dafür ist, sich klar zu machen, was man möchte. Eine Designfunktion, die im wesentliche durch Formgebung brilliert? Oder eine Funktion, die hilft die Organisation insgesamt zu verändern oder neu auszurichten? Je nachdem was ein Unternehmen will, müssen Designende mit unterschiedlichen Kompetenzen ausgewählt und auch unterschiedlich integriert werden.
»Die Klarheit darüber was ich möchte, ist der entscheidende Erfolgsfaktor für die Entfaltung von Werten durch Design. Wer es ernst meint, kommt nicht drumherum: Designleadership ist Chefsache. Will man Wertbeiträge durch Design entfesseln, ist das eine Revolution von oben. Und das ist es was wir einfordern müssen.«
Die Studie »Design in Business« lässt sich hier als PDF kostenlos herunterladen.
Antje Dohmann
Mit Unternehmungen nachhaltig gestalten
Mit Unternehmungen nachhaltig gestalten – eine Gesprächsrunde mit Prof. Dr. Günter Faltin, Prof. Mike Richter und Boris Kochan, zusammengefasst in Statements:
»Mitte der 80er Jahre entstand die Tee-Kampagne – aus der Erkenntnis, dass Rohstoffpreise sinken, die Handelsbedingungen sich vor allem für Entwicklungsländer verschlechtern. Das war der Vorläufer für die heutige FairTrade-Bewegung. Der damalige Ansatz »Wer sich sozial verhält, geht unter« hat mir noch nie eingeleuchtet. Sinnvoll, sozial, Idealismus gehen Hand in Hand und das gelingt. Und natürlich haben wir zu Anfang Fehler gemacht; gerettet hat uns, dass die Menschen gespürt haben, dass wir uns für etwas einsetzen und etwas verbessern wollen. Alle Leute haben gesagt: Der Professor ist völlig verrückt, der verschreckt alle Leute. Ich habe draus gelernt, dass es eine Ökonomie der Sympathie und Authentizität gibt, die schwer fassbar, aber sehr bedeutend ist.« Prof. Dr. Günter Faltin
»Beschränkung auf eine Teesorte macht große Einkaufsmengen, damit kann ich am Zwischenhandel vorbeiziehen. Damit können wir gute Qualität preiswerter machen als der Standard und landen damit nicht in der Nische. Das ist die Geschichte der erfolgreichen Teekampagne in ganz kurz.« Prof. Dr. Günter Faltin
»Ökonomie war immer langweilig für mich. Irgendein Produkt wird mit Gewalt in den Markt geschoben, oft auch mit gutem Design, das hat viel Kritik verdient, weil vieles mit wenig Sinn auf diese Weise gemacht wird. Warum an diesen Produkten kleben, tote Pferde auf einen Porsche schnallen, anstatt etwas Sinnvolles zu machen? Natürlich kann man das machen, das will ich nicht. Wenn es klappt, etwas Sinnvolles mit Idealismus zum Erfolg zu bringen, dann ist das unglaublich befriedigend. Ich bin Ökonom, ich will eine ganz normale Ökonomie, die ressourcenschonend ist und einfach nur gut ist – und ich bin nicht der erhobene Zeigefinger und moralisiere….« Prof. Dr. Günter Faltin
»Wenn’s einer schafft, so ein Scheißprodukt wie Zigaretten zu ‚Fackeln der Freiheit‘ zu stilisieren, dann müssen wir ins Marketing gehen, denn das ist ein Irrweg. (…) Es geht um geglücktes Leben und nicht um Gewinnmaximierung. Wenn Sie der Reichste auf dem Friedhof sind, ist das ein nicht geglücktes Leben.« Prof. Dr. Günter Faltin
»Es überrascht mich immer wieder, Entrepreneurship ausschließlich unter dem Aspekt der Vermarktbarkeit und nicht der Sinnhaftigkeit zu sehen, ob in Deutschland, in Europa oder der Welt.« Boris Kochan
»Von einem ‚Erfolgsmodell‘ wie z.B. der Automobilindustrie wieder auszusteigen, das macht man in aller Regel nicht freiwillig. Da musste schon ein Impuls von außen kommen wie die Klimakrise. Solche Themen beginnen gerade und ich hoffe, dass wir sie selbstgesteuert umsetzen können ohne von außen dazu gezwungen zu werden.« Prof. Mike Richter
»Für mich ist der Entrepreneur ein Komponist – er kann Vorhandenes auseinandernehmen und zu Neuem zusammensetzen. Dafür muss er es nicht unbedingt erfunden oder entwickelt haben. Zwischen dem Patent, dem Markt und dem Kundenbedürfnis liegt eine ganze Welt, das heißt noch lange nicht, dass man mit dem Patent Erfolg hat. Dafür braucht man eine Art Trüffelschwein mit Ideen und Kreativität, eben den Fantasiegeber, den Entrepreneur.« Prof. Dr. Günter Faltin
»Rücksichtslosigkeit, Hardliner, die mehr als 14 Stunden täglich arbeiten, ein Image von Unternehmern und Managern wie Ebenezer Scrooge, das ist alles Blödsinn. Wir sollten Entrepreneurship leben, mit Sinnhaftigkeit, weil wir das können.« Prof. Dr. Günter Faltin
Leadership by Design
Zeiten der Veränderung, der damit verbundenen Unsicherheit, Stress und Überforderung durch rasantes Tempo bedürfen eines veränderten, neuen Führungsstils: Mit Resilienz, Optimismus, positivem Impact und Innovation. In praxisnahen Life Hacks berichtet Stefan Moritz, wie Transformation und Gestaltung gesunder und vor allem zukunftsfähiger Arbeitswelten möglich gemacht werden kann.
»Die Veränderung war nie so langsam wie heute. Morgen wird es noch schneller gehen.« Unternehmen, ob klein, mittelständig oder groß, müssen sich dieser täglichen Herausforderung stellen – um zukunftsfähig, zukunftsfit zu sein, zu bleiben … und zu werden. Ironischerweise, so Stefan Moritz, fühlt man sich diesem Tempo umso weniger gewachsen, je mehr man damit umgeht. Wie also intelligent mit permanenter Veränderung umgehen, wenn es in der Auseinandersetzung wenig Raum gibt, um die Balance zwischen Privatleben und Arbeitsleben zu gestalten? Zukunft der Arbeit, das sieht Moritz als Problem – vor allem, weil offenbar das Interesse an diesem Problem, an uses cases, Transformation und Zukunftsvisionen schwindet.
Der Konflikt zwischen Inspirationsproblem, Mitarbeiterperspektiven und Führungsstil wirft ganz grundlegende Fragen auf: Was braucht Führung? Eine spannende Herausforderung für Designer und Gestalter, um Board Rooms neu zu entwerfen. Mit Empathie, mit Verständnis für Wichtiges und Unwichtiges, mit Haltung, mit Nach- und vor allem Vordenken, proaktiv ein System der Arbeit neu zu entwerfen, das zwischen wichtig und unwichtig entscheidet und vorhandenes Potenzial neu definiert. »Es gibt keinen Grund, fünf Tage die Woche zu arbeiten, weil 50% der anfallenden Arbeiten automatisiert werden können.« Eine Herausforderung vor allem für Führungskräfte.
Aus dieser Perspektive des Mangels an inspirierender Führung hat Moritz fünf Lifehacks entwickelt. ChatGPT und Coaching können Reflexion und Lernen unterstützen. Smartphones als ChatGPT-Instanzen zwischen kritischer, innovativer oder historischer Perspektive können als Simulationsinstanzen neuer Horizonte dienen. Zu den Werkzeugen, die jetzt entstehen, gehören Projekte wie das der Telekom, das auf Training und Coaching für Manager setzt, um Führung zu verbessern. Netzwerke zum Austausch von Wissen in Echtzeit entstehen aus solchen Projekten – Horizonterweiterung mit Fantasie, spielerischer Neugier und Visionen. »Meetingkultur neu denken« anstelle immer gleicher Gestaltung inklusive immer gleicher Aufzeichnungen – auch das ein Ansatz der Veränderung, der gestaltet werden muss. Vom Bullshit-Job zur Sinnhaftigkeit, »wir können am besten zusammen handeln« sprich mehr gemeinsam machen dank technischer Möglichkeiten.
Design kann für Moritz genau dann am meisten einbringen, wenn es um die konkrete Gestaltung von Zukunft geht; die Kapazität, die Zukunft zu gestalten, ist notwendiger denn je. Und ohne das konkrete Handeln von Führungskräften wird es nicht möglich sein, Organisationen und Unternehmen neu zu erfinden.
SHIFT happens – Nachhaltige Technologie und eine neue Rechtsform
SHIFT happens
Was, wenn man nicht mehr lauter einzelne Geräte kaufen, warten, updaten müsste? Wenn Computer, Tablets und Smartphones aus Bausteinen bestehen würden, die nicht mehr für ständig wachsende Halden von Elektronikschrott sorgen? Carsten Waldeck stellt sein Projekt »ShiftPhone« vor, das unternehmerische Verantwortung mit Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung verbindet.
Sein Bruder und er haben dieses Projekt vor mittlerweile 14 Jahren begonnen: in der Region Kassel, mit Zeit für Dinge, die ihnen am Herzen liegen, in alten Fachwerkhäusern, in denen sein Unternehmen heute zuhause ist. Ziel und Credo der Firma: »Soviel Gutes zu tun, wie wir können und sowenig Schaden anzurichten wie möglich.« Wertschätzung und Wertschöpfung sind Schlüsselworte für das bereits existierende Produkt von Shift, ein Smartphone, das aus rund 25 Modulen besteht. Sie sind so aufgebaut, das Nutzerinnen und Nutzer sie einfach und vor allem selbst austauschen können. Wertschätzung, deren Ausgestaltung und Erfahrung nimmt Waldeck aus dem Herzen des Ortes mit, in dem er lebt: Aus sozialem Miteinander, aus dem Erhalt alter Gebäude wie einem Fachwerkhaus, das Coworking Space ist, Eingangsort zum Shift Campus, Treffpunkt. Ein Bild dessen, was machbar ist, »wenn wir zusammen etwas tun und Liebe hineinstecken«, so Waldeck.
Auch ein Gelände mit See gehört heute zum Campus: Eine alte Mühle mit Stromerzeugung, ein See … Projekte, in die Waldeck und Shift ihre Gewinne re-investieren. Wertschöpfung auf andere Art, Sinnschöpfung, Erhalt von Wichtigem, allem voran Natur und Umweltschutz. Mittlerweile machen Shift und die Waldeck-Brüder über 100 Produkte, die sie auf ihrer Website ausführlich vorstellen. Ihr Herzensprojekt allerdings – und weit in die Zukunft gedacht – ist »Universal Computing«. Shift bietet eine lebenslange Rückkaufgarantie für jedes Produkt und verkauft es wieder zu einem fairen Preis. Universal Computing in einer Welt aus Notebooks, Desktops, Smartphones, Tablets und Watches? In einem Produktumfeld, in dem jedes Gerät sein eigenes Betriebssystem und seine eigenen Komponenten und Design hat?
Carsten Waldeck und sein Team setzen auf die Entwicklung ihrer modularen Bauweise: Der Plan ist, lokal Experience von Rechenleistung zu trennen. Zugunsten von zukünftig zwei Geräten – eins mobil, eins stationär, die sich gegenseitig mit Backups und gespiegelten Daten versorgen, über eine Funkschnittstelle kommunizieren. So wird das Device der Zukunft eine Art ultradünner Screen, der lediglich Content darstellt und Steuerbefehle sendet. Sobald das Rechengerät ersetzt wird, sind alle verknüpften Devices automatisiert auf dem neuesten Stand. Das Resultat: Reduzierung von CO2-Emissionen, von Elektroschrott und Internettraffic. Ein Konzept der Nachhaltigkeit, das die komplette Experience einbezieht – und rein theoretisch mit jedem Hersteller und jedem Projekt umsetzbar ist.
»Wir leben in einer Welt, die hauptsächlich durch Macht und Geld bestimmt ist. Was sich da aufbaut, ist erschreckend – dabei gibt es soviel wichtigere Dinge in dieser Welt« sagt Waldeck und erzählt von seiner ganz persönlichen Mind Map: Wertschätzung, Beziehungen mit Menschen, Gestaltung von Beziehungen und Umwelt in einer krassen Zeit der Veränderungen, als Mittelpunkt dessen – Sinn. »Wir leben Sinnmaximierung, nicht Gewinnmaximierung.« Sinnwirtschaft alias Purpose Economy haben Carsten Waldeck und sein Bruder zu Beginn eher intuitiv umgesetzt; mangels passender Rechtsform, denn das Unternehmen kann nicht verkauft werden. Es kann ebensowenig vererbt werden, es gibt keine Investoren, alle Gewinne gehen in den Sinn (purpose). GMGV, die Gesellschaft mit gebundenem Vermögen, ist mittlerweile Teil des neuen Koalitionsvertrags; Signal zum Durchstarten und für Zuversicht für Waldeck und sein Team für die nächsten zwei bis drei Jahre, um Shift abzusichern.
»People are more important than machines.«
Circular Affairs - wie Politik und Design Dinge ins Rollen bringen
»Ich mach einfach was ganz Neues und kümmere mich um das, was mich wirklich interessiert.« Peter Post, hat ein sehr klares Credo, was die Verbindung von Politik und Design und vor allem Zirkularität betrifft. »Wenn Kreislaufwirtschaft wirken soll, darf sie nicht nach Bürokratie riechen, sondern muss nach Zukunft duften.« Politik setzt die Leitplanken für Nachhaltigkeit, Design sorgt für die passende Ausgestaltung, für Ideen und Visionen – mitunter in schnellerer Geschwindigkeit als Politik reagieren kann.
Menschen mitzunehmen auf dem Weg, ihr Verhalten zu ändern, das sollte mehr Freude als Mühe bereiten, »das ist mehr und komplexer als man denkt, und da sind auch Konzepte dabei, in denen Menschen noch nicht so geübt sind.«, sagt Post. Und entwickelt deswegen mit seinem Studio unter dem Aspekt »wenig Mühe und viel Freude« und jenseits einer ökosozialen Bubble, Services für Unternehmen. Mit eigenem »Werkzeugkasten« und Patterns, einer eigenen Wissensdatenbank, die frei zugänglich ist, für Konzepte für beispielsweise ein zirkulares Klassenzimmer: Weniger Möbel, mehr pädagogische Angebote, in einer Art »Flottenmanagement« für Schulmöbel.
Ein Überbau für Daten, damit daraus für Menschen Relevanz entsteht? Das ist für Peter Post grundlegend für Wertschöpfung, Werterhalt und -steigerung von Produkten und Services. Interessanter als Fragen von Recycling sind dabei für Post die inneren Zyklen von Kreislaufwirtschaft, die Aspekte, die in Richtung Konsumentinnen und Konsumenten kommuniziert – und auch entwickelt werden müssen. Am Beispiel eBike lässt sich das erklären: Ein Wert von 2 – 3000 € steht einem Materialwert von nur wenigen hundert Euro gegenüber. Schnellebigkeit, kurze Produktzyklen und eine große Spanne also zwischen eigentlichen Material- und Herstellungskosten und Verkaufspreisen. Und ganz grundlegende Fragen nach Services, Kommunikation und Gestaltung von Konzepten, deren eine lauten könnte: »Wie sorgen wir dafür, dass ein Produkt lange genutzt wird, dass man sich darum kümmert?«
»Wir wollen, dass zwischen Konsumenten und Herstellern Produkte und damit Materialien zirkulieren, seien es nun Stoffe oder Produkte an sich. Dafür brauchen wir Ideen und Konzepte.« Dass dafür in der Politik (noch) das Verständnis und damit die Unterstützung fehlen, ist Teil der Arbeit von Peter Post, der sich auf die kleinste gesellschaftliche Einheit, den Menschen und Bürger konzentriert, um Ideen zu entwickeln und sie weiter in die Politik zu transportieren. Eine der Ideen, die in New York entstanden ist, Dinge einfach auf die Straße zu stellen, zu fotografieren und beispielsweise auf Instagram zu posten, zählt zu den Erfolgsbeispielen, die Peter Post zitiert. Denn allein in Deutschland landen rund 4,7 Millionen Tonnen pro Jahr an Kleidung, Geräten, Möbeln im Müll; rund 30% wären dafür noch nutzbar für andere Menschen. Das simple Abstellen von Gegenständen an der Straße ist in Deutschland allerdings verboten. Mit einer Ausnahme: Die Stadt Stuttgart ist auf eine andere Idee gekommen – und erlaubt zu bestimmten Zeiten diese erfolgreiche Idee.
Ein weiteres Beispiel aus Wien: Ein öffentlich zugänglicher Kleiderschrank, Projekt einer Studentin, steht im öffentlichen Raum. Abschließbar, das war die Forderung der Stadtverwaltung. Ähnlich dem Prinzip der öffentlichen Bücherschränke, könnten so für unterschiedliche Gegenstände des Alltagslebens Tausch- und Verteilmodelle geschaffen werden: Zirkularität, kleinteilig und überaus sinnvoll zur Vermeidung von Müllhalden. Spannende Ideen und Visionen, die sich auf viele gesellschaftliche Bereiche übertragen ließen: Die Dächer über Paris, die jeder kennt und liebt, führen zu großen Problemen – sie heizen sich auf und sorgen damit für Höchsttemperaturen von bis zu 50 Grad im Stadtbereich. Auch der Verkehr in Paris trägt dazu bei; Anne Hidalgo hat dem etwas entgegengesetzt und quasi »im Bodenkrieg zwischen Autolobby und Stadt« HighRenderings generieren lassen: Bilder der Zukunft, die Sehnsucht generieren, weil man in diesen Bildern leben möchte. Ein Prototyp einer Stadt, zu der auch der Umbau der Uferstraße in Paris zu einer Promenade gehört - und so ist aus der Vision eine Stadt entstanden, in der über 10% der Straßen mittlerweile Fahrradstraßen sind. Design als Mittel zur Veränderung des Denkens….
KI Best Cases
Drei Cases von drei Agenturen rund um das Thema KI – die Black Box war mehr als gut gefüllt. Vincent Powell und Florian Rabl, Gründer von Ice Space Studios sind nicht nur jung, sie haben auch eine erfrischend unverkrampfte Haltung dem Thema KI gegenüber. »Erziehe deine KI, mach sie vom reinen Tool zum kreativen Partner«, so die Empfehlung der beiden, die KI Tools in der Agenturarbeit auf verschiedene Weise nutzen. Zum Beispiel um Kunden besser zu verstehen oder um Bilder im Look des Kunden zu generieren. Einen Rat hatten Vincent Powell und Florian Rabl auch parat: »Wir wissen noch nicht, welche KI Tools Bestand haben werden. Baut eure Workflows und Prozesse so, dass sie nicht auf einem bestimmten Tool aufbauen.«
»Wir haben gerade gehört was man darf (Matthias Hornschuh), was man kann (Ice Space Studios), ich sage jetzt warum wir KI einsetzen müssen,« so begann Lukas Cottrell, Managing Partner bei Peter Schmidt Group, seinen Vortrag. Kunden und Kundinnen treibt das Thema KI um, sie fragen um Rat. Als Dienstleister müssen Agenturen auf diese Fragen antworten. Allerdings tritt Lukas Cottrell auch dafür ein, Kunden zu zeigen, dass KI mehr kann als Dinge effizienter machen. Wie man mit KI Menschen berühren kann präsentierte er anhand der Kampagne The Revived (https://ukraine.ua/The-Revived/), bei der zum Beginn der Olympischen Spiele in Paris Bilder von ukrainischen Athleten gezeigt wurden, die im Krieg gegen Russland getötet worden waren. »Natürlich haben wir mit den Familien gesprochen, denen es wichtig war, den Gestorbenen eine Stimme zu geben. KI hat uns hier viel geholfen, auch dabei, die Produktion bezahlbar zu machen,« so Lukas Cottrell.
Ivana Radovanovic, KI-Spezialistin bei der Markenagentur Mutabor, stellte das agentureigene Brand Imagery Tool vor. Die KI läuft auf DSGVO-konformen Servern und wurde mit urheberrechtlich abgesichertem Material trainiert. So wollen die Kreativen ihren Kundinnen und Kunden ein rechtssicheres Tool bieten, mit dem diese auf Knopfdruck Bilder im zuvor definierten Brandstil generieren können. Allerdings haben viele Unternehmen in Bezug auf KI noch Schwierigkeiten, wirklich ins Tun zu kommen. Der Transformationsprozess ist nicht einfach, ein Return of Invest meist nicht in Sicht. Zwei Learnings haben Ivana Radovanovic und ihr Team in den letzten Jahren mitgenommen: Erstens: Nicht immer nur auf die Kosten schauen. »Oft müssen wir Kunden erklären, dass sie erstmal investieren müssen, bevor sie Früchte ernten können. Man muss Prozesse aufsetzen, Tools ausprobieren, das strategische Vorgehen planen. Wir nennen es die magische Zwiebel der KI, man muss sich durch einige Schalen durchkämpfen.« Das zweite Learning: KI ist nicht verlässlich. Auf die einfache Frage nach der Uhrzeit kann schon mal die falsche Antwort kommen, weil Chat GPT nicht weiß, dass es in Deutschland Sommer- und Winterzeit gibt. »Vielleicht«, so die Hoffnung von Ivana Radiovanovic, »kann KI uns helfen, eine neue Fehlerkultur zu etablieren, denn ohne Fehler geht es im Umgang mit KI nicht ab.«
Antje Dohmann
Schröpfungshöhe, Urheberschaft, Datendiebstahl
»Wir fordern kein Fahrverbot, wir brauchen eine Verkehrsordnung,« so formulierte die Initiative Urheberrecht eine Forderung in Bezug auf KI. Eloquent stellte der Filmkomponist, Publizist und Sprecher der Initiative Urheberrecht, Matthias Hornschuh vor, was in Bezug auf generative KI gerade passiert. Neben den Ressourcen Wasser, Energie und Geld braucht KI vor allem Daten zum Trainieren. »Wenn der Rohstoff, den man für diese Technologie braucht, nicht bezahlt wird, wirft das ein paar volkswirtschaftliche Fragen auf,« so Matthias Hornschuh. Das menschliche Denken, Erfinden und Machen werde von einer Technologie in Frage gestellt, die nichts von der Arbeit der Kreativen wisse und diese deshalb nicht anerkenne.
Kulturarbeit ist die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Gesellschaft. Diese Leistung ist für uns alle unverzichtbar und muss deshalb geschützt werden. Und zwar durch das Urheberrecht, das geistige und künstlerische Leistungen schützt. Was im Moment aber passiert, ist die Nutzung urheberrrechtlich geschützter Werke zum Training generativer KI-Modelle. Ohne Zustimmung, Vergütung oder Nennung des Urhebers. »Wir sollten nicht über Urheberrecht diskutieren müssen und schon gar nicht über dessen Anwendbarkeit«, meint Matthias Hornschuh und fordert:
• Keine künstliche Intelligenz ohne menschliche Intelligenz.
• Keine Wissensgesellschaft ohne Wissensarbeiter:innen.
• Kein funktionierender Inhaltemarkt ohne Vielfalt.
• Keine kulturelle Vielfalt ohne schöpferisch Tätige.
• Keine schöpferische Tätigkeit auf professionellem Niveau ohne wirtschaftlichen Anreiz.
Zum Schluss verwies Matthias Hornschuh noch auf eine Tandem-Studie der Initiative Urheberrecht (https://urheber.info/diskurs/interdisziplinare-studie-im-download), die zu dem Ergebnis kam, dass »ein großer Teil des Trainings zur Erschaffung hochleistungsfähiger KI-Modelle bereits erfolgt ist – ungefragt und ohne Kompensation.« Immerhin ist KI auf menschliche Daten angewiesen. KI braucht Kunst, aber Kunst braucht keine KI.
Antje Dohmann
Wen ziehen wir eigentlich an – und wer bleibt außen vor?
Wen ziehen wir eigentlich an - und wer bleibt außen vor?
Eine Gesprächsrunde mit Sema Gedik, Anna Karsch, Carmen Maiwald und Patrick Pendiuk mit Sabine Resch – eine Zusammenfassung in Statements der Runde:
»AUF AUGENHOEHE hat viel Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit bekommen durch Awards und Auszeichnungen, die wir auch von der Bundesregierung bekommen haben. Ich kann also nicht sagen, dass das Anliegen meines Unternehmens nicht gesehen wird. Andererseits sollte Unterstützung über Stipendien für Unternehmensaufbau hinausgehen, ein solcher Prozess ist langwierig und bedarf langfristiger Unterstützung.« Sema Gedik
»Wir sind in München geblieben, ganz bewusst und haben uns gegen den Umzug nach Berlin entschieden. Weil es hier so viele tolle Modelabel gibt, viel Inspirierendes, die großen Magazine und damit Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit hier in München sind für unsere Projekte.« Anna Karsch
»Es gibt eine Bubble zum Thema nachhaltige Mode, in der es sehr viel Resonanz zu Beiträgen und Konzepten gibt. Beeeindruckend: Wieviel Wissen es dazu schon gibt. Das zeigt, dass die Thematik angekommen ist und angenommen wird.« Carmen Maiwald
»Politik in der Mode, ob Margot Friedländer oder Aminata Touré, das ist ungewohnt in Deutschland. Die Reaktionen dazu waren sehr vielfältig. Punktuell sind wir immer wieder mit Kritik konfrontiert, die ein eher typisch deutsches Problem widerspiegeln: Mode an Politikern, was ist das denn, wie kann sich Heiko Maas eine Lederjacke erlauben? Das mag der Grund sein, warum soviele unserer Anfragen noch in der Luft hängen. Wir sind da aber sehr offen – und 99% positiver Zuspruch geben uns die nötige Rückendeckung für den Diskurs Mode und Politik. Nicht zuletzt haben sich diese Verknüpfungen auch positiv auf unsere Verkaufszahlen ausgewirkt.« Patrick Pendiuk
»Wir wollten eigentlich mit Margot Friedländer eine größere Geschichte machen und sie porträtieren. Beim Vorgespräch sind wir auf die Begeisterung von Margot Friedländer für Mode gestoßen – und haben festgestellt: Eigentlich ist sie ein Fashion Girl. Daraus ist dann eine wunderbare Bildstrecke entstanden, die Mode mit Porträt verbindet und eine Lebensgeschichte erzählt.« Patrick Pendiuk
»Für viele war dieses Cover das beste Cover ever – und viele Kolleg:innen haben darüber berichtet, bis hin zu CNN. Margot Friedländer im roten MiuMiu-Mantel, als Brosche und Schmuck: Das Bundesverdienstkreuz. Das war der Moment, in dem Mode politisch war.« Sabine Resch
»Haltung, das ist die richtige Herangehensweise zur Problemlösung – ob das nun als Konsument, als Produzent oder hinsichtlich Reichweite ist. Wir erreichen Hunderttausende von Lesern, mittlerweile sind wir an einem Punkt angekommen, an dem das Fehlen von Haltung negativ auffällt. Es ist natürlich auch eine politische Haltung, wenn wir junge Designer:innen konsequent unterstützen.« Patrick Pendiuk
»Den Blick erweitern auf die negative Seite der Branche ist mir wichtig. Der Blick auf Lösungen, die junge Designer:innen gerade erarbeiten, auf Verbesserungen und Zukunftsperspektiven, das wünsche ich mir.« Carmen Maiwald
»Wachsen finde ich gut, damit kann man mehr Menschen erreichen und mehr Aufklärung. Aufklärung, der Wille, Mode auch politisch zu sehen, darüber zu reden, weiterzudenken, sich auszutauschen – das ist ein Weg zu mehr Bewusstsein und damit zu Nachhaltigkeit und damit wiederum zu mehr Wachstum.« Anna Karsch
»Kooperation ist mir wichtig bei AUF AUGENHOEHE – mit bestehenden, mit bekannten Unternehmen, um dahin zu kommen, dass behinderte Menschen dort einkaufen, wo alle anderen auch einkaufen.« Sema Gedik
Ein Nachtrag: nur wenigen Minuten nach diesem Gespräch kam die Nachricht, dass die wunderbare Margot Friedländer im Alter von 103 Jahren verstorben ist. Momente, die einen innehalten lassen, zutiefst berühren und nachdenklich machen. Möge ihr die Erde leicht sein.
Gestaltung als Verantwortung - Modulare Mode von _akjumii_
Wie kann zeitgenössische Kleidung heute gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, welche Rolle spielt Stil in Zeiten turbokapitalistischer Geschwindigkeit, viraler hipper Looks – und was hat das modulare Modesystem, mit dem akjumii agiert, mit Nachhaltigkeit zu tun? Welche Möglichkeiten eröffnen sich durch ein solches Konzept für Käuferinnen nachhaltiger Mode – Fragen, denen Anna Karsch/Gründerin des Modelabels akjumii und Sabine Resch im »Fashion Panel« auf den Grund gehen.
Das »modulare Modesystem«, das Anna Karsch und Michaela Wunder entwickelt haben, ist Geheimnis ihres Erfolgs in der Modebranche; akjumii, entstanden aus einem Wortspiel aus you and me ist dabei Ausdruck der Philosophie des Labels: Mode entsteht aus Dialog, aus den Wünschen der Trägerinnen, die von den Herstellern aufgenommen wurden. Das große A? ... »wir wollten beim brand list gerne ganz oben stehen«, schmunzelt Anna Karsch auf der Frage nach dem A im Firmennamen. »Wir geben gerne ein Stück kreativer Arbeit ab, um mit unseren Trägerinnen Mode zu gestalten, die ihren Bedürfnissen entspricht.«
Nachhaltig ist dabei für Anna Karsch und ihr Label nicht nur die Auswahl von Stoffen, Textilfasern und anderen Materialien, sondern die Frage, wie lange ein Kleidungsstück getragen und im Kreislauf bleiben kann. So sollte es also basic, klassisch im Stil und von der Trägerin nach Bedürfnissen und Wünschen gestaltbar bleiben, um diesem wichtigen Aspekt (Überproduktion) eine überzeugende Strategie für lange Tragbarkeit entgegenzukommen. akjumii arbeitet mit Rohmaterialien, die nicht nur nachhaltig sind (z.B. Schurwolle) und möglichst frei von synthetischen Fasern, sondern auch den Ansprüchen der Designerinnen an Haltbarkeit und Tragekomfort entsprechen.
Die Website von akjumii liefert umfangreiche Information zu Rohmaterialien, deren Herkunft, Verarbeitungsprozessen und Bestandteilen; Transparenz ist für Anna Karsch einer der wesentlichen Aspekte und Grundlagen: »Wir nehmen nicht an der Schnellebigkeit der Modebranche teil, Beispiel unserer Mantel – er kann als Jacke, Kurzmantel oder Mantel getragen werden, ist saisonal anpassbar durch verschiedene Add-Ons. Das heißt, man kauft sich ein Teil und hat immer die Möglichkeit, aus unterschiedlichen Ergänzungen und Teilen quasi unendlich viele Modelle zu kreieren. Man hat ein Kleidungsstück und kann sich immer wieder an Trends anpassen.« Dabei hilft übrigens nicht nur der Store mit Atelier, wo regelmäßig neue Add-Ons vorgestellt werden – sondern auch der hauseigene Reparaturservice.
Zu den Add-Ons gehören austauschbare Kragen für Mäntel in unterschiedlichen Formen, besetzt mit Teddybärstoff oder in Trenchcoatform, Verlängerungen aus verschiedenen Materialien von Chiffon bis Wolle, ein schier unerschöpflicher Fundus an »Spielmaterial« aus der Kreativabteilung von akjumii für die Kreativität der Trägerinnen des Labels, für sehr persönlichen, individuellen Stil und mindestens ebenso individuelle Bedürfnisse hinsichtlich Mode, Fashion und Kleidungsstücken. Im Sportswear-Bereich gibt es schon länger solche Beispiele, wie z.B. Trekkinghosen oder auch Schuhe. In Kombination mit den eigenen, hohen Ansprüchen an Halt- und Tragbarkeit, an Prozesse, Qualität, Stil und Nachhaltigkeit ist akjumii wohl einzigartig.
Norm, Maß, Macht – Warum (auch Mode-)Design nie neutral ist
Norm, Maß, Macht - und die Frage der Neutralität
Norm und Maß und Macht und Mode – neutral ist das nie. Genderless fashion, das ist eine Wunschvorstellung von Gianni Versace geblieben, ebenso wie der Ansatz »alle Formen leben«, eine Form der Inklusion in der Mode. Gestaltung, Design, Norm und Maß, alles ist miteinander verbunden. Kleidungsstücke sind genau betrachtet nicht nur Dinge; sie tragen Leben in sich – und es genügt, einen Körper mit ihnen in Verbindung zu bringen, damit der Körper erwacht.
Dinge, Gestaltung, Formen und Formgebung, Objekte bestimmen die Gestaltung des Raumes, es sind also die Objekte, die das Leben menschlich machen. Maße und Normen sind Alltag in der Mode; Normierung und unzulängliche Maßeinheiten führen dazu, dass allein in Deutschland rund 100.000 Menschen jenseits der Normierung keine passende Kleidung finden. Das ist eine Frage des Designs – und der Inklusion, wenn man an kleinwüchsige oder behinderte Menschen denkt.
Sema Gedik hat sich mit ihrem Modelabel »AUF AUGENHOEHE« genau dieser beschriebenen Problematik verschrieben. Mit ihrer Arbeit möchte sie darauf aufmerksam machen, dass Maßtabellen, die Körper ausschließen, keine technische Frage sind – sondern eine politische. Das Video »my size« zu ihrem Vortrag skizziert mit einem Augenzwinkern die Herausforderungen einer inklusiven Modewelt. Als Studentin hat Sema Gedik Menschen mit Behinderung vermessen, sich auf Menschen mit Kleinwuchs fokussiert und ein Konfektionsgrößensystem für sie entwickelt. Auf Augenhöhe und nicht mit Schwerpunkt Behinderung. Mode als Möglichkeit, Persönlichkeit, Identität, Selbstbewusstsein und Stil auszudrücken und letztlich via Passform Teilhabe zu ermöglichen.
Statements aus dem Gespräch zwischen Sema Gedik und Carmen Maiwald:
»Man kann neue Normen schaffen, die auf Austausch basieren, auf Kommunikation. Damit entsteht aus Design … Inklusion. Denn Design, das nicht barrierefrei ist, ist unvollständig. Deshalb verstehen wir Gestaltung bei AUF AUGENHOEHE nicht nur als Stil oder Funktion, sondern als gesellschaftliche Verantwortung.« Sema Gedik
»Sieben von zehn Menschen in Deutschland passen nicht in das Standard-Größensystem der Modeindustrie. Das ist eine beachtliche Zahl, die zeigt, wie dringend es ist, über diese starren Normen zu sprechen und sie zu verändern.« Carmen Maiwald
»Eigentlich wollte ich mein Studium des Modedesigns abbrechen; die begleitenden Praktika haben mir das Gefühl vermittelt, dass ich nicht in die Branche passe. Ich wollte immer entwickeln, gestalten, neu denken. Im Gespräch mit Geschwistern und Familie und vor allem der von Kleinwuchs betroffenen Cousine hat sich eine neue Perspektive aus einem eigentlichen Tabuthema entwickelt: Wie kaufen eigentlich Menschen mit Behinderung ein? Wie könnte man das ändern? Ich habe damals verstanden, dass Normen in Deutschland und in der Textilindustrie ein wichtiges Thema sind. Und ich dachte mir: Man könnte doch die Normen weiterentwickeln, damit sie für alle passend bzw. zugänglich sind und so ein barrierefreies Konfektionsgrößensystem daraus entwickeln.« Sema Gedik
»Wir sind 100% community driven; wir haben Designer mit Behinderung, die an den Kollektionen mitarbeiten, das ist ganz tief in unserer Unternehmenskultur inbegriffen. Mittlerweile bestellen Kunden weltweit bei uns – bei 0% Retouren. Dazu gehörte übrigens sehr viel konventionelle Arbeit, Handarbeit mit dem Maßband: Hightech-Körperscanner haben schlicht komplett falsche Daten der zu vermessenden Menschen geliefert.« Sema Gedik
»2022 bekamen wir eine Nachricht von Uniqlo: Wir haben gemeinsam mit dem Unternehmen ein Pilotprojekt gestartet; Start mit einem Workshop, dann folgte eine Analyse der Produkte, die Uniqlo anbietet mit Ausblick, wie ihre Produkte barrierefreier angeboten werden können. Das entwickelt sich weiter, wurde von den Kund:innen auch sehr begeistert angenommen. Insgesamt war in den letzten Jahren die komplette Modebranche offener bezüglich Diversität und Inklusion. Wir beobachten aber auch, dass diese Offenheit noch nicht in den Läden angekommen ist. Ich wünsche mir natürlich, dass der Schritt zur industriellen Serienproduktion barrierefreier Kollektionen schneller möglich ist. Und auch, dass Forschung und Entwicklung nicht stehenbleiben, dass investiert wird in Weiterentwicklung...« Sema Gedik
Gestaltungspielraum in groß? Wenn Designerinnen und Designer Politik machen
Boris Kochan/Moderation, Pink Büchsenschütz, Helge Lindh, Verena Osgyan, Prof. Lutz Engelke, Thilo von Debschitz (von links)
Wenn Designerinnen und Designer Politik machen, wird das sehr spannend: Mit Thilo von Debschitz, der als unabhängiger Kandidat in Wiesbaden für das Amt des Oberbürgermeisters antrat. Mit Verena Osgyan, Designerin und MdL im bayerischen Landtag. Und mit Prof. Lutz Engelke, ehemaliger Mittelstandsbeirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Allen gemeinsam ist ihr Weg in die Politik, eher ungewöhnlich für Designer:innen und Gestalter:innen, eine Mischung aus Zufall, Interesse, Leidenschaft und dem berühmten »Jungfrau-Kind-Moment«.
»Designer:innen und Kreative sind extrem gut darin, gesellschaftliche Trends und Muster zu erkennen, wenn sie noch im Entstehen begriffen sind – um sie zu übersetzen in Gestaltung und letztlich in Politik. Menschen verstehen anschauliche Beispiele, genau das lernt mal als Designer:in und man konzentriert sich dann auf das, wofür man gewählt wurde.« Verena Osgyan über die Verbindung von Design und Politik.
»Mich stört das Wort ‚Wahlkampf‘ ohnehin schon. Interessiert hat mich Politik immer schon, als Beobachter. Dann kam die Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte, Oberbürgermeister zu werden. Eine spannende Vorstellung, weil Politik für alle da ist. Und ich liebe meine Stadt Wiesbaden, deswegen fand ich es eine charmante Idee, meine Stadt mitzugestalten. Eine bereichernde Erfahrung war es obendrein, um die Stadt und ihre Menschen besser kennenzulernen und dem Ehrenamt gegenüber demütiger zu werden. Denn die Lösungen für Probleme müssen in der Mitte der Gesellschaft gefunden werden, um die extremen Ränder abzuknipsen.« Thilo von Debschitz
»Wir lassen uns darauf ein, was die Menschen wirklich interessiert.« Boris Kochan
»Politik hat mich immer schon interessiert. Eine Kultur des Dissenses, das finde ich spannend und habe immer Geschichten erzählt. Die Trennschärfe zwischen Politik und dem, was neue Geschichten oder überhaupt Geschichten sind, hat mich immer fasziniert. Man nimmt Erfahrungen aus einer Sphäre mit, um sie in der anderen anzuwenden; muss immer seines Publikums gewärtig sein, denjenigen Menschen, für die man eigentlich arbeitet, ob Kunde oder Gesellschaft. Als Designer sollten wir selbstbewusst sein, bewusst darin, wo wir in gesellschaftliche Prozesse mit handwerklichen Fähigkeiten, mit Kreativität und Wissen eingreifen können. Wir sind Sinn- und Bedeutungsproduzenten, tragen damit große Verantwortung und sollten aus diesen Gründen heraus auch eine gemeinsame Verbandspolitik, eine Sichtbarkeit neuer Allianzen und unterschiedlichster Intelligenzen zu entwickeln.« Prof. Lutz Engelke
»Allianzen und Bündnisse sind wichtig, organisierte Strukturen wie Gewerkschaften und Verbände, daran fehlt es ganz oft in der Kultur- und Kreativwirtschaft. In anderen Bereichen, beispielsweise der Industrie, ist das ganz normal. Es ist schon tragisch, wenn man erlebt, dass sich auf Kundgebungen pro Demokratie Teilnehmende gegenseitig mit Vorwürfen überschütten und angreifen, anstelle gemeinsam zu agieren und zu sprechen. Mitunter muss man auch zumuten: Menschen sind nicht so blöd, wie wir Politiker gelegentlich annehmen – das Menschenbild, das wir haben, ist ganz entscheidend. Man muss Menschen nicht schützen, betulich vorgehen oder Angst vor ihrem Denken haben.
Was ich erwarte und mir wünsche? Das Selbstbewusstsein, die Notwendigkeit von Kreativität einzufordern. Politik ist mehr als ein Lieferdienst zur Lösung von Problemen. Formfindung, Humor, Gestaltung sind wichtig, Humorlosigkeit ist der Beginn der Diktatur.« Helge Lindh
Gemeinsames Fazit von Panel und Runde: Mehr Demokratie wagen, also gestalten. Mehr Selbstbewusstsein, sich zu stellen. Der Verantwortung, den Herausforderungen, den großen politischen Aufgaben - und dafür alles in die Waagschale werfen, was Design kann und zu bieten hat.
Gestaltung braucht Haltung! Warum Pink politisch ist und Protest gut aussehen muss.
Über politisches Pink und Protest mit gutem Aussehen
Design oder nicht sein, warum verursachen blaue Herzchen miese Gefühle, warum ist eigentlich Zukunft pink, warum ist der Regenbogen gefährlich für fragile Männer auf dieser Welt, wann werden Wahlplakate endlich überflüssig und warum und wieso braucht das große Ganze eigentlich eine Haltung, damit wir die Zukunft gestalten – und die Zukunft nicht uns gestaltet?
Seine Plakate sind pink, sind Wortspiele und Gestalttherapie: Protestplakate, die Menschen zweimal hinschauen lassen, weil sie visuell so grandios sichtbar sind. Weil die Farbe Neonpink Leuchtkraft hat, die Gestaltung unterstreicht und beides zusammen zum Statement wird. Pink Büchsenschütz, Kommunikationsdesigner:in, setzt auf die Neuentdeckung von Gestaltungsspielräumen, darauf, wieder zu entdeckend neugierigen Kindern zu werden. »»Alarmstufe blau«, »Rechtszeitig stoppen«, das sind Gedankenentwürfe aus der Werkstatt von Pink Büchsenschütz. »Gestaltung braucht Haltung«, fordert er – und überhaupt: Wie wäre es, wenn man Politik eine vernünftige Gestaltung verpasst? Was, wenn man Protest so attraktiv wie möglich designed? Spaß haben, auf die visuelle Kraft spannender Designs zu setzen, das ist politisch. Kein Wunder also, dass Pink Büchsenschütz seit 2025 Plakate für den politischen Protest entwirft.
Helge Lindh arbeitet als SPD-Politiker mit Schwerpunkt Kultur mit Pink Büchsenschütz zusammen. »Mehr Menschlichkeit in der Politik«, das ist sein Credo, ihn bewegen Menschen, Lebenswege, Schicksale und Träume in seinem Wuppertal, wo er geboren wurde und aufgewachsen ist. Eine Liebeserklärung an seine Stadt, eine emotionale Haltung im Tun – und das ist ein ganz wesentlicher Teil, wenn nicht wichtigster Antrieb der gemeinsamen Arbeit mit Pink Büchsenschütz.
»Politik und Kultur sind ein Gesamtkunstwerk, das spiegelt sich alles gegenseitig, inspiriert sich wechselseitig.« Zusammen und gemeinsam, das ist für Helge Lindh existenziell wichtig. »Der Großteil der Leute kennt einen überhaupt nicht, deswegen liegen mir direkte Gespräche so am Herzen. Kampagnen, dafür ist das wichtig. Ich bin hier mit politischem Straßenverstand, sozusagen als Alien. Kommunikation und vor allem visualisierte Emotionen sind essenziell dafür. Politische Parteien haben allerdings in dieser Hinsicht große Defizite….«
Denkanstöße, die Pink Büchsenschütz direkt aufgreift. »Leidenschaft, es geht nicht ohne Leidenschaft, das haben Gestaltung und Politik gemeinsam.« Berühren ohne künstliche Aneignung und Anverwandlung, »Amore Diggah«, das ist nicht nur Claim und Plakatmotiv. »Durch simuliertes Design kann man nicht Dinge echt machen«, dafür muss man sich mit den Inhalten auseinandersetzen, damit, wie Interaktion funktioniert – und in Ansehnlichkeit übersetzt wird, die »hängenbleibt« und nicht nur Fastfood im Vorübergehen sind. Die Hartnäckigkeit von Gestaltern gehört dazu: Aus schlechten Inhalten kann man kein gutes Design machen.
Wenn Designerinnen und Designer Politik machen, wird das sehr spannend: Mit Thilo von Debschitz, der als unabhängiger Kandidat in Wiesbaden für das Amt des Oberbürgermeisters antrat. Mit Verena Osgyan, Designerin und MdL im bayerischen Landtag. Und mit Prof. Lutz Engelke, ehemaliger Mittelstandsbeirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Allen gemeinsam ist ihr Weg in die Politik, eher ungewöhnlich für Designer:innen und Gestalter:innen, eine Mischung aus Zufall, Interesse, Leidenschaft und dem berühmten »Jungfrau-Kind-Moment«.
»Designer:innen und Kreative sind extrem gut darin, gesellschaftliche Trends und Muster zu erkennen, wenn sie noch im Entstehen begriffen sind – um sie zu übersetzen in Gestaltung und letztlich in Politik. Menschen verstehen anschauliche Beispiele, genau das lernt mal als Designer:in und man konzentriert sich dann auf das, wofür man gewählt wurde.« Verena Osgyan über die Verbindung von Design und Politik.
»Mich stört das Wort ‚Wahlkampf‘ ohnehin schon. Interessiert hat mich Politik immer schon, als Beobachter. Dann kam die Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte, Oberbürgermeister zu werden. Eine spannende Vorstellung, weil Politik für alle da ist. Und ich liebe meine Stadt Wiesbaden, deswegen fand ich es eine charmante Idee, meine Stadt mitzugestalten. Eine bereichernde Erfahrung war es obendrein, um die Stadt und ihre Menschen besser kennenzulernen und dem Ehrenamt gegenüber demütiger zu werden. Denn die Lösungen für Probleme müssen in der Mitte der Gesellschaft gefunden werden, um die extremen Ränder abzuknipsen.« Thilo von Debschitz
»Wir lassen uns darauf ein, was die Menschen wirklich interessiert.« Boris Kochan
»Politik hat mich immer schon interessiert. Eine Kultur des Dissenses, das finde ich spannend und habe immer Geschichten erzählt. Die Trennschärfe zwischen Politik und dem, was neue Geschichten oder überhaupt Geschichten sind, hat mich immer fasziniert. Man nimmt Erfahrungen aus einer Sphäre mit, um sie in der anderen anzuwenden; muss immer seines Publikums gewärtig sein, denjenigen Menschen, für die man eigentlich arbeitet, ob Kunde oder Gesellschaft. Als Designer sollten wir selbstbewusst sein, bewusst darin, wo wir in gesellschaftliche Prozesse mit handwerklichen Fähigkeiten, mit Kreativität und Wissen eingreifen können. Wir sind Sinn- und Bedeutungsproduzenten, tragen damit große Verantwortung und sollten aus diesen Gründen heraus auch eine gemeinsame Verbandspolitik, eine Sichtbarkeit neuer Allianzen und unterschiedlichster Intelligenzen zu entwickeln.« Prof. Lutz Engelke
»Allianzen und Bündnisse sind wichtig, organisierte Strukturen wie Gewerkschaften und Verbände, daran fehlt es ganz oft in der Kultur- und Kreativwirtschaft. In anderen Bereichen, beispielsweise der Industrie, ist das ganz normal. Es ist schon tragisch, wenn man erlebt, dass sich auf Kundgebungen pro Demokratie Teilnehmende gegenseitig mit Vorwürfen überschütten und angreifen, anstelle gemeinsam zu agieren und zu sprechen. Mitunter muss man auch zumuten: Menschen sind nicht so blöd, wie wir Politiker gelegentlich annehmen – das Menschenbild, das wir haben, ist ganz entscheidend. Man muss Menschen nicht schützen, betulich vorgehen oder Angst vor ihrem Denken haben.
Was ich erwarte und mir wünsche? Das Selbstbewusstsein, die Notwendigkeit von Kreativität einzufordern. Politik ist mehr als ein Lieferdienst zur Lösung von Problemen. Formfindung, Humor, Gestaltung sind wichtig, Humorlosigkeit ist der Beginn der Diktatur.« Helge Lindh
Gemeinsames Fazit von Panel und Runde: Mehr Demokratie wagen, also gestalten. Mehr Selbstbewusstsein, sich zu stellen. Der Verantwortung, den Herausforderungen, den großen politischen Aufgaben - und dafür alles in die Waagschale werfen, was Design kann und zu bieten hat.
Improvisation, Interaktion und Interdisziplinarität – Dynamische Notationssysteme – Eine Intervention
Improvisation, Interaktion und Interdisziplinarität
Visualität und Multimedia treffen Musik trifft Klangkunst: »Kommt rein, es wird laut« ist Boris Kochans Aufforderung ans Auditorium, sich auf Ungewöhnliches, Unerwartetes, Überraschendes einzulassen. Die Intervention unter Regie von Prof. Claudius Lazzeroni, Ulrich Müller und Patrick Schimanski ist tatsächlich erst diesen Vormittag entstanden – im Rahmen eines Workshops zu Interaktion und Interdisziplinarität.
Es ist Einwurf vom Spielfeldrand, sozusagen, ganz im Sinne des Statements »Vor dem Tauchen muss man springen«. Es ist auch eine Erfahrung für die Sinne, eine Kombination unterschiedlicher Wahrnehmungsebenen, ein Tango aus knallenden, funkensprühenden Synapsen, Interaktion, Gedankenspielen. Es ist eine vibrierende Collage aus Geräuschen, Stimmen und Klängen.
Es ist … Performance. Und Statement. Und Assoziationsraum für die Bilder im Kopf, die den wirbelnden Klängen folgen. Ist Freiraum für Gedanken, die aus den tatsächlichen und vermeintlichen Wortfetzen durch die Gehirnwindungen stolpern und tänzeln. Ist tänzerische Bewegung der Akteure, denen der Klang zu folgen scheint. Ist Provokation und Herausforderung und Kunstwerk, ist wilde Mischung für die grauen Zellen, aus multimediale Störern und Stolpersteinen für Herz und Hirn: Anders denken, sehen, fühlen, alles eins und zusammen alles und einzeln nichts.
Barrierefreie Teilhabe gestalten – Perspektiven auf eine inklusive Kultur (presented by EDAD)
Perspektiven auf eine inklusive Kultur
»Wir versuchen, Design als Vorbild zu denken: Nicht mit Fokus auf Defizit, sondern auf Zukunftsperspektive. Das »entweder ist es ästhetisch oder barrierefrei« oder »es ist schön, aber nicht zugänglich« ist die Perspektive, die verändert werden muss. Eigentlich spannend daran ist das grundlegende Verständnis der Problematik: rund 10% der Menschen lebt mit einer schweren Behinderung. Von einer Verbesserung der Funktionalitäten, einer inklusiven Kultur profitieren nicht nur sie – im Sinne von gesellschaftlicher Teilhabe – sondern alle Menschen.
Zugänglichkeit herzustellen, Kultur erfahrbar zu machen für Menschen, denen das nicht so einfach gegeben ist – Stichwort barrierefrei – ist ein intensiver Prozess mit vielen Erkenntnissen. Eine Ausstattung in einem Konferenzraum müsste also erlauben, allen Teilnehmenden trotz unterschiedlichster Behinderungen oder Einschränkungen die aktive Teilnahme, ein Erleben von Kultur zu ermöglichen. Technologien wie Spracherkennung können mittlerweile viel dazu beitragen. Mindestens ebensoviel wie das Verständnis dafür, wie eine solche andere Gestaltung von Veranstaltungen ablaufen kann. Mit Angeboten an eingeschränkte Menschen, die von Farbkontrasten und Schriftgrößen bis Audio-Guides und taktilen Wegeleitsystemen: Muss ein Museum ein solches taktiles Leitsystem bis zu jedem Bild einrichten?
Es geht bei inklusivem Design vor allem darum, sich Problemen anders anzunehmen. Taktile Leitsysteme können auch bedeuten, andere Materialien der Bodengestaltung, eine andere Pflasterung oder Farbgebung zur Orientierung im Raum einzusetzen. Mitunter wirft das interessante Fragen auf: Ist ein funkgesteuerter, neigbarer Spiegel mit Fernbedienung tatsächlich hilfreich? Wie wäre es stattdessen mit einer anderen Lösung, nämlich einem Spiegel, der bis zum Boden reicht und um komplexe Bedienbarkeit erleichtert ist? Eine Dusche ohne »Hürden« ist ein weiteres Beispiel einer solchen sinnvollen Alternative, die auch attraktiv sein kann: Statt Umrandung dann eine bodengleiche Variante, die auch mit Rollstuhl zu befahren ist.
»Kleine Grabenkriege zur Schönheit« sind das eine. Viel wichtiger: sich mit dem Blickwinkel des Designers und Kreativen einzumischen. In die Gestaltung, aber auch in deren Rahmenbedingungen, mit dem Wunsch eines gemeinsamen Verständnisses der Branche, dass mit der gemeinsamen, bisweilen mühevollen Arbeit etwas bewirkt werden kann. »Es sind mitunter umfangreiche, komplexe und steinige Wege, die wir gehen (müssen)«, so beschreibt das Boris Kochan. »Was können wir dafür einbringen, dass es zum Beispiel ein Barrierefreiheitsstärkungs-Gesetz gibt, das unser Knowhow integriert – um so richtig gute Dinge zu entwerfen und Sachen zu machen, die allen Menschen nutzen.«
Inklusion als Entwurf – Design von, für und durch Teilhabe
Inklusion als Entwurf
Normal? Was ist das, was empfindet eine Gesellschaft als normal und wie geht sie mit Dingen und Aspekten um, die von der vermeintlichen Normalität abweichen? Geprägt wird das von vielen Faktoren, von Herkunft, Nationalität, Geschlecht, von der uns umgebenden Welt. Mitkonstruiert – und dekonstruiert, umgestaltet und verändert – wird Normalität allerdings auch durch Design. Unterschiedliche Assoziationsmuster wie Körperlichkeit (Sehschwäche, motorische Einschränkungen) und Körperbeschaffenheiten sind das eine. In seiner Arbeit konzentriert sich Prof. Dr. Tom Bieling/Professor für Designtheorie an der HfG Offenbach jedoch nicht auf die individuellen Körperbeschaffenheiten, sondern auf die Beschaffenheit unserer Umgebung.
Dabei entscheiden bereits kleine Eingriffe darüber, inwiefern sich eingeschränkte Menschen in einer Umgebung bewegen können und wohlfühlen; Design ist aus einer anderen Perspektive eng damit verknüpft, denn die Gestaltung von Umwelt und z.B. Räumen trägt auch dazu bei, dass und wie Menschen als eingeschränkt, als behindert wahrgenommen werden. Eine inklusive Gesellschaft der Griffe, Türen und Räume kennzeichnet also eine Dimension, innerhalb deren Ausgestaltung Menschen einbezogen - oder eben ausgeschlossen werden.
Aus diesem Blickwinkel lässt sich sowohl ableiten, dass Design Inklusion beflügeln kann, andererseits auch Inklusion als Haltung dazu beitragen kann, Design zu verbessern. Das ist keine Einbahnstraße, sondern eine dynamische Wechselwirkung, die bewusst macht, die verbessern kann, für Probleme sensibilisiert und Prozesse in Bewegung hält. Teilhabe findet auf zahlreichen Ebenen statt – institutionalisiert in punkto gesetzgebender Rahmen, via NGOs und Bürgerinitiativen. Teilhabe wird genauso ermöglicht durch Gestaltungsprozesse, dazu gehört aktive Teilhabe am eigentlichen Gestaltungsprozess.
Eine zweite Position, die des Design FÜR Inklusion, lässt sich beschreiben durch eine konsequente Weiterentwicklung von Tools, Werkzeugen, Gegenständen, Informationen – Design, um die Welt für alle einfacher, händelbarer zu machen, um Gebrauchsgegenstände nutzbarer zu machen und Barrieren von beispielsweise Bedienung oder Erreichbarkeit abzubauen.
Die dritte Position des Design durch Inklusion bezieht sich auf die Teilhabe am Gestaltungsprozess. Co-Design, participating design sind als partizipative Schritte einer Gestaltung unverzichtbar für einen inklusiven Effekt. Dass es keine Garantie für das Gelingen gibt, dass Inklusion kein Selbstläufer ist, sondern konsequenter Haltung und Entscheidungen bedarf, um zu gelingen – das ist zu guter Letzt eine Frage des Bewusstseins, einer Sensibilisierung für gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge und eben … Einschränkungen.
Die Revolution der Inklusion – Design zwischen Vielfalt und Ausgrenzung (presented by Universal Design)
Die Revolution der Inklusion
Design formt unsere Realität und trägt hohe Verantwortung: Denn Design entscheidet, wer dazugehört, teilnehmen und buchstäblich Teil haben kann … oder ausgeschlossen wird. Viele Menschen in Politik und Wirtschaft sind überrascht, wieviele Aspekte der Inklusion, der Öffnung von Zugängen tatsächlich durch Design ermöglicht werden. Über 27% der Bevölkerung und damit über 100 Millionen Menschen leben in der EU mit einer Behinderung oder Einschränkung. Allein in Deutschland sind über 7 Millionen Menschen von einer Form von Schwerbehinderung betroffen. Das betrifft jeden Einzelnen, weil von diesen vielen Menschen nur 3% von Geburt an behindert sind. Die restlichen 97% erwerben eine Behinderung durch Krankheit oder auch Unfälle.
Im Umkehrschluss heißt das: Es kann jeden treffen - und darum geht jeden einzelnen von uns das Thema Inklusion etwas an. Was mit Barrieren in den Köpfen, vermuteten Einschränkungen etc. beginnt, setzt sich im Alltag fort - die Verfügbarkeit von rollstuhlgeeigneten Tischen, Zugängen zu Gebäuden, öffentlichen Bereichen ist nicht ausreichend gegeben. Auch eine freie Arztwahl ist dadurch so gut wie unmöglich: Eine Vielzahl von Arztpraxen ist nicht oder noch nicht barrierefrei.
»Universal Design ist Design für alle.« Prof. Wolfgang Sattler rüttelt mit diesem Statement an Grundfragen: Wer und was ist eigentlich »normal«? Es geht nicht um Inklusion durch die Brille der Behinderten; der gesamtgesellschaftliche Blick auf die Thematik muss ein erweiterter sein. Die Wurzel liegt für Sattler in der lateinischen Wurzel des Begriffs Inklusion: claudere, das lateinische Wort für schließen, beinhalten ausschließen, einschließen .. und damit Grenzen. Ziele für Inklusion sollten vor allem darin liegen, Exklusion zu erkennen - auf der Basis eigener Erfahrungen und eigenen Erlebens, mit dem Ziel, Menschen Zugang zu ihrer Umgebung zu ermöglichen. Das betrifft den öffentlichen Raum ebenso wie Arbeitsplätze, Mobilität oder Technologie. Simple Alltagsdinge und Unstimmigkeiten sind Bausteine von Ausgrenzung: Die Beherrschung des Englischen - und Terminals, die das von Nutzenden voraussetzen. Das Vorhandensein einer Kreditkarte als Voraussetzung für Bezahloptionen.
Tina Deeken, Parasportlerin und mehrfache Weltmeisterin, erzählt von vielen Erlebnissen: Treppenstufen, die unüberwindbar für den Rennrollstuhl sind. Zu schmale Passagen mit demselben Problem. Das setzt Begleitung und Abstimmung mit Veranstaltern voraus - und »man gewinnt daraus Perspektiven und Erkenntnisse, wo etwas Wesentliches nicht funkioniert und geändert werden sollte.« Ganz oben auf der Wunschliste der Verbesserungsvorschläge: Kommunikation. »Man kann nicht pauschal für alle alles gleichmachen. Das geht nur mit Offenheit und im direkten Kontakt.«
Sehr prägnante Beispiele zeigt auch das Video der Hessischen Diakonie: Umsortierte Regale im Supermarkt mit ständig wechselnder Position von Waren - für einen behinderten Menschen kann das bedeuten, Schuhcreme statt Zahnpasta zu erwischen. Oder bestimmte Dinge nicht zu erreichen. Auch plazierte Schalter von Geräten sind so eine Sache: Unglücklich platziert, sind sie entweder nicht bedienbar oder funktionieren nicht, weil Benutzende beispielsweise mit tauben Fingern nicht ausreichend Druck ausüben können.
Für Roswitha Hoerder, Ergotherapeutin und Expertin für Inklusion, sind solche Faktoren Teil ihrer täglichen Arbeit: In Projektarbeiten versuchen ihre Studenten gemeinsam Probleme zu entdecken - und mit intelligenten Lösungen zu entschärfen. In einem Projekt zur Mobilität in öffentlichen Verkehrsbetrieben ging es um die Nutzung von Fahrkartenschaltern: Bedienung, Erreichbarkeit, Sichtbarkeit und Erkennbarkeit von Monitorbildern sind wichtige Faktoren von Design und Gestaltung, die den Alltag aller Menschen erleichtern und sich vor allem auf die Integration höchst unterschiedlicher Bedürfnisse praxisnah konzentrieren.
»Ausgrenzung geschieht auch mit Sprache, wenn es um Verständlichkeit geht.« Für wen werden Texte geschrieben? Wer soll erreicht werden? Warum einfache Sprache? Sabrina Weyh, Expertin für barrierefreie Kommunikation und Architektin, sieht hier viele wichtige Bausteine gesellschaftlicher Teilhabe - von Bildung über Demokratie und politische Prozesse muss Sprache dazu beitragen, auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen zu erreichen. Eine Frage des Bewusstseins zunächst, aber darüber hinaus auch eine Frage von DIN-Normen … und künstlicher Intelligenz, die dabei hilft, Texte in einfach verständliche Sprache zu transformieren.
»Die Schwierigkeiten im Bildungssystem betreffen viel mehr Menschen als nur Menschen mit Behinderungen oder kognitiven Einschränkungen. Sie betreffen alle, denn es geht um Ernsthaftigkeit, um Rücksicht, um Einbeziehung aller Menschen.«
»Entweder ist es barrierefrei, aber hässlich - oder schick, aber nicht barrierefrei.« ist eins der gern gepflegten Vorurteile in der Betrachtung der kompletten Thematik. »Es geht um Handwerk, es geht um Details - und letztlich liegt es immer an den Menschen, die handeln. Menschen, die angesprochen werden, müssen beteiligt werden, dafür gibt es Prüfgruppen«, sagt Sabrina Weyh dazu. Nils Enders-Brenner differenziert: Zwischen sichtbarer und unsichtbarer Behinderung, von der er als gehörlos Geborener betroffen ist. Positive Beispiele sieht er beispielsweise im Bereich Schule mit entsprechend geschulten Lehrkräften. Auch einen Malerbetrieb in seinem Umfeld lobt er als großartiges Beispiel: Die Mitarbeitenden dort haben Gebärdensprache gelernt - für gehörlose Mitarbeitende und Kunden. »Ich wünsche mir vor allem mehrere Optionen für Gehörlose. Weniger Stigmatisierung in der Kommunikation, mehr Aufklärung, wie man »richtig« kommuniziert, welche Formen von Hörschädigungen und welche Möglichkeiten des Umgangs damit es gibt.«
»Wir brauchen einen radikalen Perspektivwechsel. Es geht zwar um Design, aber vor allem um eine Haltung. Universal Design entsteht in Interaktion. Und dann beflügelt Design, anstelle zu behindern.« Ein passendes Schlusswort von Prof. Wolfgang Sattler, zu dessen Best Practice Beispielen die selbstverständlich sowohl für Rechts- als auch für Linkshänder designten Scheren oder Teller gehören, die für Menschen mit motorischen Einschränkungen entworfen wurden. »Funktionieren tut das für alle – und darum geht es im Universal Design. Gelungen ist das, wenn man’s nicht merkt.«
Künstliche Intelligenz – oder: Vorne ist immer da, wo sich keiner auskennt
Vorne ist immer da, wo sich keiner auskennt
»Wo ist die AI überhaupt anzusiedeln?« Markus Petzl, Spezialist für disruptiven Wandel, sieht viele Notwendigkeiten für Diskussionen. Gehört die Thematik in die Organisationsentwicklung? Ins Personalmanagement? Ein Gruß aus der Technologieküche ins Publikum vor der Mittagspause, sozusagen als Amuse Gueule fürs Gehirn. Denn wenn klarer wird, wo die Reise hingeht, desto klarer werden auch die Möglichkeiten der Gestaltung des Kommenden.
Fragen zur Thematik: War ChatGPT eine Überraschung? Das Publikum antwortet – mit einer deutlichen Mehrheit, die das verneint. Und wann ist die erste KI programmiert worden? Hier liegt das Auditorium knapp daneben- sie wurde bereits 1956 entworfen und programmiert. Also, so Petzl, »ein uraltes Thema«. Die Zukunft ist also schon da, aber nicht komplett gleich verteilt – im Bewusstsein, in der Praxis und in der Umsetzung.
Zukunft kommt in großen und kleinen Schritten; sie sind keine Sprünge, sondern entstehen in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Also wirft Petzl die praxisnahe Frage in den Raum, welcher Läufer schneller voran kommt: Lineare Schritte? Exponentielle Schritte? »Die exponentielle Geschwindigkeit überfordert uns, das begreifen mitunter nicht mal Banker.« frotzelt Petzl. Der exponentielle Läufer kommt also weiter – insgesamt 25mal um die Erde, geht man von einer Basis von 30 Schritten aus.
Linear (analog) ist planbar. Exponentiell? Eher nicht. Von der Enttäuschung über den Aha-Moment bis zu Chaos und Faszination sind Fortschritte phasenweise nicht einmal sichtbar. »Zwischendrin fängt das an, mit Versuchen, wie und wo man AI anwendet. Derweil bewegt sich’s alles und mittendrin gibt’s einen Durchbruchspunkt, wo’s steil nach oben geht. Und oben? Da bricht’s irgendwann und geht nicht mehr weiter.«
Am Beispiel von ChatGPT wird deutlich: Die Modelle haben einen exponentiellen Wachstumspfad. In kurzer Zeit viele User, entsprechende Interaktion – und plötzlich stagniert das Ganze, bringt an Grenzen und hat Grenzen. Der Durchbruchspunkt der Entwicklung sprich der Start von ChatGPT war Beschleunigungsmoment. Gesellschaftlich relevant ist das allemal. Wo es hingeht? »Das wissen die alle selber nicht.«
Das Intelligence Staircase ordnet ein: der Mensch auf mittlerem Absatz, intellektuelle Ausreißer wie Einstein und Co. auf deutlich höheren Stufen, Schimpansen, Hühner und Ameisen deutlich drunter. An diesem Punkt kommt Künstliche Intelligenz ins Spiel – ChatGPT mit einem mutmaßlichen Intelligenzquotienten von 120, der nicht stagniert. Auf dem Weg der Entwicklung ist also Luft nach oben. »Was weiß das Huhn über die Intelligenz des Schimpansen? Was also weiß der Mensch über die Intelligenz von KI? Die Herausforderung: Wir messen KI und ihre Intelligenz aus unserer Perspektive. Reicht diese begrenzte Perspektive möglicherweise nicht aus, um das Potenzial, aber auch mögliche bedrohliche Aspekte zu erkennen und zu begreifen?«
Der Denkanstoß zur Mittagspause: Wir als Menschen sind begrenzt – in unserer Perspektive, aber auch in unserer Intelligenz. KI ist es nicht. »Everything x AI« lautet die Formel, die im Sinne eines q.e.d. sagt: Es bleibt spannend, denn der Raum zwischen Realität und Möglichkeiten erweitert sich ins fast Unendliche und entzieht sich der (notwendigen) Definition.
»Schauen wir auf den Sternenhimmel, sehen wir auch das Licht bereits erloschener Sterne. Sie existieren nicht mehr, aber wir sehen sie noch. Die Parallele: Wir sehen in Europa viel zu oft das Licht erloschener Ideen und Visionen.«
Von der Faser zur Vision – Innovation an der Schnittstelle von Mensch, Maschine und Design mit der Losgröße 1 (presented by VDMD) (Arbeitstitel)
Von der Faser zur Vision
»Neue Materialien braucht das Land, obwohl wir Recycling haben und können, obwohl es mittlerweile nachwachsende Rohstoffe aller Art gibt.« Dr. Thomas Fischer/DITF berichtet über EU-Projekte zu Innovationen in der Textilforschung. »Stroh zu Gold spinnen« stimmt - insofern, als dass man aus Stroh Stoffe entwickeln kann. In Abhängigkeit vom Material muss sich Design dem anpassen; die systematische Untersuchung in einem EU-weiten Projekt (11/2024 abgeschlossen) liefert spannende Einsichten in die Möglichkeiten, ein weiteres EU-Projekt startet im Juni 2025: Von der Herstellung der Fasern über die Verarbeitung, die Oberflächen und Details der Stoffe steckt »der Teufel im Detail«, was die weitere Nutzbarkeit der Fasern und Stoffe betrifft.
Biobasierte Materialen werden beispielsweise mit Lignin, einem Abfallprojekt der Holzwirtschaft, beschichtet. Dazu gehört Kontinuität hinsichtlich der Qualität – so kann Lignin Öl und Wasser auf Schutzkleidung aufgebracht werden und den Verzicht auf umweltschädliche Mittel ermöglichen. Innerhalb eines europäischen Konsortiums arbeiten viele Ingenieure und Forschende an den Innovationen auf Materialebene; mit dem Ziel, von Polyester und ähnlichen Kunststoffen wegzukommen und ökologische Fußabdrücke signifikant zu reduzieren.
»Schnittstelle zwischen Mensch, Maschine und Design«: Das illustriert Thomas Fischer mit einem sehr prägnanten Beispiel aus dem Digitaldruck. Mit intelligenten Konzepten in der Automation, der Textilproduktion und Materialwahl lassen sich Kleidungsstücke so bedrucken, dass sie nicht nur in unterschiedlichen Konfektionsgrößen produziert, sondern individuell auch auf Körperformen angepasst werden können, ob in Schnitt selbst oder in der Plazierung von Textildesigns, Mustern oder Logos.
Design wird so ein interaktiver Prozess aus mehreren Ebenen zwischen Visualisierung, Materialskizzen, der Analyse von Körperformen, die aus Fotos extrahiert werden und in einen Made-to-Measure-Workflow münden: Virtuelle Anproben, ein Schnitt, das fertige Produkt passt maßgenau an einem einzigen Menschen. Auf Materialebene ist dieser digitale Spielraum ebenfalls beeindruckend: Im digitalen Workflow ist alles miteinander vernetzt. Von druckbarer Textilvorbehandlung und Druck über Automatisierung in der Verarbeitung bis zu einer anschließenden Absortierung mit materialspezifischen Greifern und Maschinen bieten Design und Digitalisierung so veränderte Perspektiven: Für regionale Produktion, für dezentrales Arbeiten und höchst spezifische, nachhaltige Textilwirtschaft.
Design & Erinnerungskultur - Rückwärts nach vorne gestalten?
Rückwärts nach vorne gestalten?
Wie gestaltet man Historie mit Zukunftsperspektive? Ein Diskussionspodium - und Ausschnitte daraus in Statements von Prof. Dr. Mirjam Zadoff/NS-Dokumentationszentrum, Irmgard Hesse/Designerin, Thilo von Debschitz/Visueller Archäologe und Designer, Erhard Grundl/Kulturpolitische Gesellschaft und Boris Kochan/Moderation (von rechts):
»Wie schaffen wir es, die eigene Bubble zu sprengen und rauszukommen? Was ich in den beiden Vorträgen von Thilo von Debschitz und Mirjam Zadoff gehört habe, ist genau das: Kreativität ist der einzige Weg, Gedächtnis und Erinnern lebendig zu halten. Was mir in 8 Jahren Bundestag zu denken gegeben hat: Es gab zwei große Projekte des Erinnerns in dieser Zeit, die Verfolgung der sogenannten Asozialen und deren Anerkennung sowie die der Opfer der Euthanasieprogramme als Opfer des Nationalsozialismus. Es gibt Widerstand gegen diese Projekte, gegen die klare Benennung von Opfergruppen und damit die Aufarbeitung. Curt Blochs Brief an seine deutschen Leser ist somit aktueller denn je.« Erhard Grundl
»Herausforderungen und Perspektiven – man wird demütig, wenn man sich die Gedanken und Vorträge heute anhört. Man fragt sich, was kann Design dazu beitragen. Vor Demut wird die Welt oft schwarzweiß oder grau, weil man sich nicht traut, Farbe zu verwenden. Das ist wunderbar an Mirjam Zadoffs Arbeit im Doku-Zentrum, das ist lebendig geworden und nicht mehr still, ist nicht verhuscht, sondern präsent, sichtbar – und dennoch respektvoll. Es ist eine wichtige Rolle für Design, zu unterstützen und sich nicht zu drücken vor Kontroversen, vor Unbequemen, sondern das Richtige, Passende zu finden in Form und Farben und Schrift.« Irmgard Hesse
»Zu meinen gestalterischen Beobachtungen während meiner Arbeit an Curt Blochs Magazinen gehört komplette Überraschung: So etwas überhaupt noch nach so langer Zeit zu finden, das ist historisch einmalig. Jetzt haben wir versucht, visuell eine passende Form zu finden, um Curt Blochs Persönlichkeit Raum zu geben, ohne ihn zu überdrücken. Ich selbst bin Nachkomme von Nazis und habe nie die Antworten bekommen, die ich gesucht habe. Die Grundsatzfrage des Warum bleibt, es braucht deshalb keine Überzeugungsarbeit, um sich mit einem Projekt wie dem Onder Water Magazin zu beschäftigen.« Thilo von Debschitz
»Es gibt eine zweistellige Zahl von SPIEGEL-Titeln mit Hitler-Bildern. Das mag eine spezifisch deutsche Art der Sichtweise sein. Im Austausch mit anderen Nationen (und deren Diktatur-Erfahrungen) wurde klar: Das kann, muss man anders angehen. Das heißt beileibe nicht, auf ein Sichtbarmachen zu verzichten. In allen autoritären Regimen ist Kunst immer der Hauptgegner. Unsichtbar machen, zum Schweigen bringen, Gelder streichen. Vor dem Nichtsprachlos sein haben Politiker ganz oft Angst (…); die Auseinandersetzung mit den Themen, Gespräche, Kommunikation und Austausch sind wichtig für ein aktives Erinnern, ein ebenso aktives Politischwerden.« Mirjam Zadoff
»Man muss Brücken bauen, um Sprachlosigkeit zu überwinden: Die Aufbereitung von Themen ist immens wichtig, ungeachtet von der Schwere der Thematik. Da kann man ganz viel rausholen.« Irmgard Hesse
»Wir brauchen viele starke Allianzen, weil vielen Menschen eine moralische Orientierung fehlt. Was ist wahr und nicht wahr, was ist menschlich oder nicht menschlich? Historische Erfahrung kann Ansätze bieten, aber da muss mehr passieren.« Mirjam Zadoff
»Wir haben Verantwortung, weil wir mit dem Talent gesegnet sind, Informationen gestalten zu können. Wir müssen uns darauf besinnen, dass wir gesellschaftlich aktiv sind.« Thilo von Debschitz
»Ich sehe die Kulturpolitik vor allem in der Verantwortung, für finanzielle Mittel zu sorgen. Prekäre Arbeitsverhältnisse und Selbstausbeutung gerade in kreativen Berufen müssen angepackt und verändert werden, um die Rahmenbedingungen aus innerer Überzeugung zu verändern. Um möglich zu machen – auch eine Erinnerungskultur.« Erhard Grundl
Kreativität als Überlebensstrategie – Curt Bloch und sein Unterwasser-Kabarett
Kreativität als Überlebensstrategie
»Wann?
Wann fallen endlich unsere Ketten … wann steigen wir empor zum Licht?« - ein Zitat aus einem Gedicht von Curt Bloch aus dem Kriegsjahr 1944, ein handschriftliches Faksimile auf der Leinwand. »Wir wollen wieder Menschen sein.«
Curt Bloch, geboren im November 1908 in Dortmund, wuchs in den 20er Jahren in Dortmund auf, besuchte das städtische Gymnasium in Dortmund. Nach seinem Abitur 1927 studiert er an unterschiedlichen Universitäten, u.a. in Erlangen, Freiburg, Berlin Jura, arbeitet nach seinem Examen als Rechtsreferendar – eine hoffnungsvolle Perspektive auf berufliche Karriere vor sich.
Mit der Machtergreifung der Nazis ändert sich alles: Berufsverbot, Bloch emigriert zunächst in die Niederlande, 1933 wird er offiziell entlassen und lässt sich in Den Haag nieder. Zeitweilig arbeitet er als Teppichverkäufer und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Am 10.5.1940 marschiert die deutsche Wehrmacht in den Niederlanden ein. Erneut ändert sich alles, die niederländische Regierung kapituliert nur kurze Zeit darauf, die deutschen Gesetze gelten dann auch in den Niederlanden.
Juden dürfen Schulen, Universitäten, öffentliche Einrichtungen wie Konzerthäuser, Schwimmbäder oder Märkte nicht mehr betreten. »Verboten für Juden.« Im August 1941 werden Juden in den Niederlanden komplett enteignet, Vermögen sind abzugeben, der Gelbe Stern wird zur Pflicht, das gestempelte J im Ausweis ebenso. Curt Blochs Schwester Erna und ihr Mann Max Levy bleiben in Deutschland. Die beiden werden nach ihrer Deportation in Riga 1942 ermordet. Curts Schwester Helene und Mutter Paula werden 1943 im Alter von 19 bzw. 60 Jahren in Sobibor umgebracht.
»Ein Gruß – wo immer Du magst auch verweilen, ich grüße Dich, mein Schwesterlein. Dein Leiden möcht ich mit Dir teilen und würde gerne bei Dir sein (…) Ich wollte es Dir besser geben, wenn’s anders kam, lag’s nicht an mir. (…) Verschleppt bist Du nach fernen Landen und ich, Dein Bruder, blieb allein. (…) Bleib stark trotz Hass, Verrat und Tod. Geht der Krieg einmal zuende, dann werd ich auf die Suche gehen (...)« Zitiert aus einem Gedicht von Curt Bloch, das er seiner Schwester widmete.
1942 taucht Bloch in Enschede unter. Er hält sich dauerhaft versteckt, mehrere Monate in einem kleinen Spitzboden eines Hauses direkt unter dem Dach. Zur gleichen Zeit taucht übrigens auch die Familie von Anne Frank unter; für Curt Bloch beginnt eine lange Zeit der Einsamkeit, Verzweiflung und Angst. Er sucht nach einer Möglichkeit, seine Stimme zu erheben und sich nicht unterkriegen zu lassen. Und schafft sie sich.
Sein Magazin »Het Onderwater Cabaret« ist das Magazin eines Untergetauchten: Mit Spottgedichten widmet er sich den aktuellen Geschehnissen seiner Zeit, kommentiert in Reimform und wirft Joseph Goebbels »fake news« vor. Das von Hand vernähte, handschriftliche Magazin kursierte in kleinem Format und als Unikat, ging in mehreren Tagen von Hand zu Hand und kehrte zu Bloch nach ungefähr einer Woche zurück. Meist an einem Samstag veröffentlicht, geben insgesamt über 90 Magazine Zeugnis von Einsamkeit, Traurigkeit und Mut – im Original erhalten, lagen diese Magazine bis vor wenigen Jahren in einer Kiste in New York.
Die anfangs eher schwarzweißen Titelseiten ändern sich zu einer sparsamen Farbigkeit. Die Katalogisierung in Jahrgänge zeigt: Curt Bloch richtet sich auf eine lange Zeit des Untergetaucht seins ein. Der Titel wird – bei zunehmender Bekanntheit – kürzer: O.W.C..
»Vielleicht kommen Euch die Gedichte, die ich in Eurer Sprache schrieb, in späterer Zeit zu Gesichte (…) amüsant ist die Lektüre für manche Leute sicher nicht, denn man sitzt hier über ihre Dummheit hier zu Gericht (…) Ihr wähnt euch endgültig entflohen dem Schatten der Vergangenheit und denkt nicht, dass Euch bedroht das gleiche Leid (…) Im Gegensatz zu anderen Dichtern (…) will ich vom Rausch ernüchtern. (...)« so adressiert Curt Bloch seine Leser. Und illustriert seine Magazine mit Ausschnitten aus aktuellen Tageszeitungen, reimt Spottgedichte auf Hitler und Co, gewährt Einblicke in sein Gemüt, kommentiert Tagesgeschehen.
In seinen Texten verarbeitet Bloch zynisch und aktuell die Ereignisse, die ihn bewegen. Macht sich über Truppenbewegungen an der Front einen Reim (buchstäblich), nimmt Nazigrößen spottend auseinander. 20 Magazine erscheinen im Jahr 1945, am Tag der Befreiung von Enschede erscheint das letzte Magazin. Nun muss Bloch wieder in ein »normales Leben« zurückfinden. Seine große Liebe Ruth, die wie er ihre komplette Familie im Holocaust verlor, hilft ihm dabei. Das Paar wandert gemeinsam 1948 nach New York aus, Curt Bloch erhält 1953 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er reist später viel nach Europa, handelt mit Antiquitäten; er kehrt nach Deutschland zurück, unter anderem zu einem Klassentreffen – und wird dort von einem ehemaligen Klassenkameraden mit den Worten begrüßt: »Mit Dir haben wir gar nicht gerechtet.«
Sein Vermächtnis, das Magazin, bleibt. Thilo von Debschitz, selbsternannter »Visueller Archäologe«, sorgt für Erinnerung – mit Kontaktaufnahme für eine Berichterstattung im Magazin der Süddeutschen Zeitung und der Gestaltung eines Buches über Curt Bloch durch sein Agenturteam. Er reaktivierte auch einen Kontakt der Familie Bloch mit dem Jüdischen Museum Berlin, in der Folge kam es dort zu einer Ausstellung mit dem Titel »Mein Dichten ist wie Dynamit«. Gemeinsam mit seiner Agentur Q/Wiesbaden wurde eine Website entwickelt, auf der das Magazin öffentlich einsehbar vorgestellt wird. Ein Zeitstrahl mit allen Ausgaben ermöglicht einen intensiven Blick in die Magazine, die Gedichte und Inhalte – dreisprachig, kommentiert und historisch eingeordnet.
Derzeit werden zahlreiche Gedichte von Curt Bloch von namhaften Schauspielern eingelesen, es wird sie zukünftig auch als hörbare Erinnerung auf der Website geben. Noch einmal Curt Bloch und ein Ausschnitt aus dem letzten, in deutscher Sprache geschriebenen Gedicht im letzten erschienenen Magazin: »Wer in Knechtschaft musste leiden und in finsterem Verlies, der erst schätzt der Freiheit Freuden (…) - ohne Angst und Schreckenstyrannei fühlt man endlich, man ist frei. (…) Seid darum der Freiheit Hüter, denn wer unfrei ist, ist tot.«
Der Schauspieler Robert Dölle aus dem Ensemble des Münchner Residenztheaters ergänzte den Vortrag von Thilo von Debschitz durch die Lesung ausgewählter Bloch Gedichte.
Mehr über »Het Onderwater Cabaret« von Curt Bloch: https://curt-bloch.com/de/
Vergangenheit gestalten – Was hat Erinnerungskultur mit Design zu tun?
Vergangenheit gestalten - Erinnerungskultur und Design
»design for democracy & memory«, das ist Prof. Dr. Mirjam Zadoffs Claim; als Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München verantwortet sie den Umgang mit Erinnerungskultur und der Vermittlung des Erinnerns. Vor zehn Jahren, mit einem zeitlichen Abstand von 70 Jahren zum Kriegsende, wurde das Dokuzentrum eröffnet. Transnationale Diskurse, der Einfluss der 68er Jahre, Fernsehserien wie »Holocaust« tragen dazu bei, der Erinnerung endlich Raum zu geben.
In der Nachbarschaft von Hitlers offiziellem Büro in Berlin steht heute auf dem Gelände des ehemaligen »Braunen Hauses« ein weißer Würfel, in ehemaliger Nachbarschaft der ersten Parteizentrale der Nazis. 2015 wurde das NS-Dokumentationszentrum eröffnet, damals noch begleitet von Protesten Rechtsradikaler. Es war, so Mirjam Zadoff, ein stilles Haus, das sie zu Beginn irritierte: »Es ist keine Gedenkstätte, dort haben die Nazis zusammengesessen und sich Massenmorde ausgedacht.«
Vom ehedem stillen, rational gestalteten Raum mit einer eher monumentalen Ausstellung zum modernen Begegnungsort: Die Problematik des Erinnerns an den Nationalsozialismus beinhaltet beispielsweise, häufig mit Propagandafotos der Nazis zu arbeiten. Klare Auswahl, gezielte Lenkung eines Archivbestands, ein damit verbundenes, sorgfältig aufgebautes Image der Nazis – mit den Augen von rund hundert Fotografen gesehen. Sucht man nach Fotos der NS-Zeit, die normales Leben zeigen, »wird das schwierig«, sagt Zadoff. »Die Menschen reden immer von dunklen Zeiten; das stimmt nicht, die Sonne schien genauso wie heute, die Menschen haben im Rahmen des Möglichen ihr Leben genossen. Für manche war diese Zeit sonnig. Für andere, denen alles genommen wurde, nicht. Die einen lebten und genossen Leben in München, die anderen hatten Angst, waren schockiert und bedrückt.«
»Niemandem ist heute mehr klar, wann es zu spät ist.« mit diesen Worten zitiert Mirjam Zadoff eine Rede von Marina Weisband, die sie anlässlich der Befreiung des KZs Buchenwald vor wenigen Wochen hielt. Eine Mahnung, dass Leben für manche bunt und sonnig und prall ist – und nur manche ihre Rechte, ihre Freiheit, ihre Möglichkeiten freiheitlich zu leben, verlieren. Die Parallelen der Fakten, der Geschichte mit aktueller Zeit sind unübersehbar. Gestaltung gehört dazu – in Kunstwerken von Rosemarie Trockel, die das erste Mahnmal zur Verfolgung Homosexueller schuf oder von Michal Baror, dessen Schichten der Erinnerung zur Auseinandersetzung mit der Thematik auffordern.
Beispiele für eine lebendige Präsentation und gleichsam »Übersetzung« des Erinnerns von sachlichen, distanzierten Fakten in zeitgenössische Kunst: Geschichte aus heutiger Perspektive, gestaltet in zeitgenössischer Bildender Kunst. Ein spannender, lebendiger Diskurs und eine ebenso spannende, bisweilen berührende, bedrückende, herausfordernde Art, Menschen miteinander in Gespräche zu bringen: Zwischen Bücherstapeln und Sitzelementen ist Leben und kein museales Gedenkstättenschweigen. Stattdessen konstruktives Streiten über Gesehenes, Diskutieren über Gesehenes, Beschäftigung mit unterschiedlichen Sichtweisen und Begegnung.
Die rückblickende Frage »Wie hättet Ihr Euch damals verhalten?« hat sich in diesem Rahmen der lebendigen Begegnung mittlerweile verändert zu »Wie verhaltet Ihr Euch heute?« In diesem Sinne: »History is not the past«, Geschichte ist nicht die Vergangenheit. Sondern jetzt und heute.
DIVE-Tag 1 zwischen Déjà-Vu und Fazit
Die persönlichen Highlights in persönlichen Statements:
»Toll, Menschen zu sehen, deren Bücher ich zuhause im Regal stehen habe. Die Stärke des Designs? Experimentieren. Ergebnisoffen sein. Neue Perspektiven finden und bieten.« Claudia Friedrich
»Was für eine schöne Atmosphäre - wir sind wirklich ins Gespräch gekommen. Intensiv und inspirierend.« Miriam Zlobinski
»Wir sind an Bord, segeln mit einem Highspeed-Segler auf hoher See, voller Energie und Vibes. Das hat mich ungemein beeindruckt.« Julia Peglow
»Mein Highlight heute war ‘Wo ist mein Kaktus?’. Es geht genau darum, diese Stellen zu finden, wo sich etwas verändert und man etwas begreift. Das hat mich heute unglaublich berührt.« Boris Kochan
One size fits (white) men: Gender Data Gap im Design
In ihrem Vortrag »Mind the Gap: Warum gendersensibles Design zählt!« zeigt die Designerin, Forscherin und Vorsitzende des international Gender Design Network, Claudia Herling, wie der Gender Data Gap – das Fehlen oder die Verzerrung geschlechtsspezifischer Daten – die Gestaltung unserer Welt prägt – vom Gesundheitswesen und der Stadtplanung bis hin zu digitalen Produkten und künstlicher Intelligenz. Denn wenn Frauen, nicht-binäre und trans Personen in Daten und Prozessen fehlen, fehlen sie auch in den Dingen, die wir gestalten. Produkte passen nicht, Interfaces diskriminieren, Systeme schließen aus.
Werden Frauen in Autounfälle verwickelt, beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass sie schwer verletzt werden 47 Prozent, dass sie sterben 17 Prozent. Die Prozentzahlen sind viel höher als bei Männern. Trotzdem wurde erst 2022 ein Crashtest Dummy entwickelt, der der weiblichen Anatomie entspricht. Bei Crashtests sitzt er allerdings meist auf dem Beifahrersitz…
Die Informatikerin Dr. Joy Buolamwini stellte fest, dass Gesichtserkennung am besten bei weißen Männern und am schlechtesten bei schwarzen Frauen funktioniert. Amazon wollte mit einem KI-Tool den Einstellungsprozess neuer Mitarbeiter vereinfachen. Leider hatte die KI gelernt, dass Männer vorzuziehen seien. Sie stufte Lebensläufe herab, die das Wort Frau enthielten und filterte Kandidaten heraus, die eine von zwei Universitäten ausschließlich für Frauen besucht hatten.
Die Liste solcher Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen, der Grundstein dafür wird schon früh gelegt. Zum Beispiel im Fernsehen, wo auf zwei Männer eine Frau kommt, bei Kindersendungen ist das Verhältnis sogar 4:1.
Wer das alles nicht glaubt, sollte in der Google Bildersuche mal nach schoolboy und schoolgirl suchen. Während bei der ersten Suche einfach nur Bilder von Schuljungen erscheinen, sind unter den Bildern von Schulmädchen sehr viele sexualisierte Motive. Und das sind dann wieder die Bilder, die vielleicht von einer KI gelernt werden…
Divers zusammengesetzte Teams könnten diese Probleme vermeiden, »Design«, so Claudia Herling, »muss Geschlecht mitdenken!« Zum Abschluss ihres Vortrags gab sie dem Publikum noch sechs Fragen mit auf den Weg, die man sich bei jedem Designprojekt stellen sollte:
• Wer fehlt in den Daten?
• Werden geschlechtsspezifische Unterschiede ausgelöscht oder als neutral angenommen?
• Verstärkt mein Design frühere Diskriminierungen?
• Interpretiere ich die Ergebnisse auf eine stereotypfreie Weise?
• Könnten geschlechtsspezifische Daten gegen jemanden verwendet werden?
• Welche Methoden habe ich verwendet, um Biases gezielt entgegen zu wirken?
Fazit des rundum spannenden Vortrags: Auch im 21. Jahrhundert ist im Bezug auf gendersensibles Design noch jede Menge zu tun!
Antje Dohmann
Vom Serienprodukt zum Kurswechsel
FairCraft ist ein 2021 entstandenes Projekt des Cross Innovation Hubs in Hamburg; dem Cluster der Luftfahrt zugeordnet, beschäftigt sich FairCraft mit Nachhaltigkeit im Flugverkehr. Thematisch auf die Kabine konzentriert, entwickelte das Team um Sebastian Mends-Cole flexible Belüftungssysteme, Material- und Sitzkonzepte mit einer Verspannung zwischen Decke und Boden, ein Redesign des Lavatory-Bereichs und neuartige Konzepte der Gepäckunterbringung.
Was das mit Nachhaltigkeit zu tun hat? Mehr als auf den ersten Blick ersichtlich ist. In den 12 Tonnen Durchschnittsgewicht der Kabine stecken jede Menge flammhemmende Chemikalien, Kunststoffe und ähnliches, die die komplette Innenerstattung nicht nur zu Sondermüll machen, sondern - reduziert um die schädlichen Materialien – dank Innovation auch eine Einsparung von rund 15 Tonnen CO2 bedeuten.
In einem Förderprojekt mit entsprechender Finanzierungszusage konnte das Projekt dann weiterentwickelt werden; inklusive der wesentlichen Aspekte Komfort, Sicherheit, Konkurrenzfähigkeit hinsichtlich schlanker Kosten und »circular design« (sprich regenerativer Systeme) mit cradle-to-cradle-zertifizierten Textilen. »Man kann das im Material denken« sagt Sebastian Mends-Cole dazu. Verbundmaterialien wie Knittec lösen sich bei entsprechendem Druck in Kombination mit Wasser auf, brauchen keine Brandhemmer oder chemische Zusätze, sondern sind in sich schon schwer entflammbar bzw. nicht brennbar. Dank solcher Materialien wurden auch die klimatischen Bedingungen im Flieger verbessert: Feuchtigkeitsregulierung und Luftqualität sind Resultate des Designkonzepts für Nachhaltigkeit und Umweltschutz.
Gemeinsam mit Ingenieuren arbeitete Faircraft im Modell, was Sicherheit betrifft. »Modell, Modell und nochmal Modell« schmunzelt Mends-Cole. 40% Gewichtsreduzierung von Flugzeugsitzen bei gleichzeitig erhöhtem Komfort und hohen Sicherheitsstandards, dazu 21 Kilotonnen CO2-Reduzierung – das ist in allen Aspekten fast die Hälfte der Werte eines Standardsitzes.
Eine Begriffsklärung am Rande: Circular Design interessiert sich nicht für Konsumkritik; der grundlegende Ansatz ist, bessere Modelle zu entwerfen. Der Vergleich zwischen Tetrapacks und Glas-Mehrwertflaschen bringt Erhellung: Hinsichtlich der CO2-Bilanz ist Tetrapack unschlagbar, aber eigentlich nicht recyclebar. Glas hingegen ist unendlich recyclebar, es entsteht also kein Müll. Circular Design beschäftigt sich mit intelligentem Materialeinsatz, dem dafür nötigen Energiebedarf und dem letztlich resultierenden, nicht recyclebaren Müll.
Der Weg von linear economy zu circular economy ist, so Mends-Cole spannend, wird jedoch noch Zeit brauchen: Wenn Designerinnen und Designer über dieses Konzept nachdenken, muss vor allem die Frage geklärt werden, wie das Material wieder zurückkommt. Erst dann kann man über das Produkt nachdenken, über Wertschöpfungsketten und mehr. Übersetzt in Kommunikation hieße das: Nicht eine langlebige Waschmaschine verkaufen, sondern »20 Jahre saubere Wäsche. DAS ist das eigentliche Produkt«. Auf lange Sicht führt das nicht nur zu positiv veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, sondern auch zu verändertem Konsumverhalten.
Wandel ist machbar.
Digitaler Wandel ohne Designkompetenz?
Claudia Friedrich/Moderation, Dr. Martina Beck, Dr. Kim Lauenroth, Linda Ruth Schmidt (von links)
»Im Software Engineering gab es immer schon Konzeption; dann wurde die Welt agil, Phasen gibt es nicht mehr. Man startet schnell in die Codierung und baut jede Menge digitalen Müll. Im Gegensatz zu den T-Shirts sieht man digitalen Müll nicht, weswegen wir immer weniger gestalten und konzipieren. So hat mich der Weg zu Digital Design geführt.« Dr. Martina Beck/MaibornWolff
»Wir haben alle Kompetenzen, die wir brauchen. Aber wir haben es nicht drauf. Die Softwarebranche ist unglaublich diffizil, wir haben hochspezifizierte Leute – aber in der Softwarewelt haben wir nichts Übergreifendes. Unter dem Dach des bitkom hat sich dann eine Gruppe zusammengefunden, die das Digital Design Manifest kreiert hat.« Dr. Kim Lauenroth/FH Dortmund + Digital Designerin
»Angefangen habe ich in der Entwicklung von Features; damals hat es mich gestört, digitalen Müll zu entwickeln. Das war für mich der Ansporn, mich mit Digital Design zu beschäftigen und damit, was wir in dieser Welt brauchen: Wir entwickeln Ökosysteme und beeinflussen damit Gesellschaften.« Linda Ruth Schmidt, Digital Designerin
»Wir lösen heutzutage nicht mehr nur manuelle Prozesse ab. Mit Blick auf Spotify oder AirBnB entstehen komplett neue Geschäftsmodelle. Was wir versuchen, ist Hand in Hand mit Software Engineering Gestaltung zu entwickeln. Digital Design geht von UX Design bis User Research, über Visionen bis ready to code – wir versuchen, als Dachprofession ein komplettes Arbeitsfeld abzudecken und das reinen Programmieren mit einer Gestaltungsperspektive zu ergänzen.« Dr. Martina Beck
»Die bestehenden Systeme beruhen auf der Elektrifizierung von Prozessen; wir müssen mehr lernen, ganzheitlich zu gestalten anstelle in Sparten zu denken.« Dr. Kim Lauenroth
»Manager und Entscheider müssen lernen, zu verstehen; die Wissensübertragung bedeutet nicht, dass es nur der Designer kann, sondern dass auch der Manager soviel Kompetenz hat, zu verstehen, welche Entscheidungen getroffen werden. Unternehmen und Unternehmensleitungen müssen sich mit den Themen, mit Design auseinandersetzen.« Linda Ruth Schmidt
»Ich könnte endlos Software-Entwickler verkaufen. Was mir in der Seele wehtut, ist, dass es schwierig ist, die komplette Gestaltungsarbeit zu kommunizieren. Man muss quasi übersetzen zwischen der technischen und gestalterischen Welt, da müssen Kommunikation, Kompetenz und Moderation stimmen. Digitaler Müll ist für mich übrigens Software, die gebaut wird und nie genutzt wird. Das ist Ressourcenverschwendung aus Nichtwissen. 22% aller IT-Projekte sind erfolgreich, 49 % sind über Budget, der Rest ist erfolglos.« Dr. Martina Beck
»2018 haben die Dänen den ersten Master Digital Design gehabt. 2022 ist an der Hochschule der Medien ein Masterstudiengang gestartet, da bewegt sich was. Auch in Dortmund passiert da einiges, das wird sich etablieren und weiterentwickeln.« Dr. Kim Lauenroth
»Was über die reine technische Kompetenz hinaus schwierig ist: dass viele Designer in ihren Aufgabenbereichen eingegrenzt wurden; sie müssen den Mut haben, eine BWL-Sprache zu sprechen, über Kosten, Ressourcen und Technik .. zusätzlich zu Themen der Gestaltung, auch auf Managementebene.« Linda Ruth Schmidt
»Wir müssen uns auch darüber unterhalten, was wir in Europa tun. Wer heute mit und über KI redet, redet mit und über amerikanische Unternehmen. Wir haben uns damit in eine technische Abhängigkeit begeben, der man nicht allein damit begegnen kann, indem man Chipfabriken baut. Auch das ist eine Gestaltungsaufgabe.« Dr. Kim Lauenroth
»Bürokratie ist ein Teil von Demokratie – dazu gehört auch Gesetzgebung und deren Gestaltung, um sie so abzubauen, dass sie möglich ist und händelbar bleibt. Das ist möglicherweise etwas, was Politik bislang nicht auf dem Schirm hat und sehr sinnvoll im Hinblick auf digitale Souveränität ist.« Linda Ruth Schmidt
»Suchen Sie im Digitalen mal gute Beispiele. Ich kenne jede Menge schlechte; ein gutes, das mir dazu einfällt: Der effiziente Fördermittelantrag für Wärmepumpen. Gutes Digitales merkt man einfach nicht, das funktioniert – und genau das ist die Power von Digitalität. Wenn die Software nicht läuft, kann die User Experience so gut sein wie sie will, dann läuft es nicht rund.« Dr. Kim Lauenroth
»Es geht im Endeffekt nicht um ein perfektes Endergebnis, sondern darum, Menschen zu einem Teil dieser Entwicklung zu machen, indem man sie emotional mitnimmt. Da muss ein Umdenken stattfinden, auch den Prozess zu gestalten und das müssen wir aushalten können, dass das Produkt eventuell nicht ganz so perfekt ist, wie es sein sollte.« Linda Ruth Schmidt
Papilio – eine innovative Straßenlaterne
Die Nacht ist niemandens Freund. Licht erweckt ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden. Inzwischen aber leiden Menschen, Flora und Fauna unter der zunehmenden Lichtverschmutzung. Der vielfach ausgezeichnete Designer Tobias Trübenbacher hat eine Lösung parat: Seine Straßenlaterne Papilio reduziert den ökologischen Fußabdruck öffentlicher Beleuchtung um ein Vielfaches, indem der Strom durch einen integrierten Windgenerator erzeugt und gleichzeitig Lichtverschmutzung minimiert wird. Zur Energiegewinnung dient ein diagonal ausgerichteter Savonius-Rotor, der sowohl aus vertikalen (natürlicher Wind), wie auch horizontalen Luftströmungen (z.B. Luftverdrängung durch Verkehr) klimaneutrale Energie erzeugt.
Ein Akku speichert den erzeugten Strom und kann so auch windstille Phasen überbrücken. Dies macht es möglich, Papilio komplett autonom zu betreiben, sodass die aufwendige Verlegung von Elektrizitätsinftrastruktur entfällt. Da bleibt nur eine Frage: wann stehen Papilios in möglichst vielen Städten dieser Welt?
Antje Dohmann
Grenzen überschreiten, Brücken bauen (presented by GCES)
Grenzen überschreiten, Brücken bauen (presented by GCES)
Wie gelingt es, neue Perspektiven zu entwickeln, kreative Disziplinen zu vernetzen und gemeinsame Zukunftsbilder zu entwerfen? Der German Creative Economy Summit (GCES), initiiert von der Hamburg Kreativ Gesellschaft, bringt seit zwei Jahren Vordenkerinnen und Vordenker, Macherinnen und Macher aus allen elf Teilmärkten der Kultur- und Kreativwirtschaft zusammen – von Architektur über Design bis Games, Musik und Software.
Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft, stellte dem DIVE’25 Publikum drei Fragen: Wer glaubt, dass das Thema Kultur, Design und der Kreativwirtschaft in der neuen Bundesregierung eine große Rolle spielt? Wer glaubt, dass die Herausforderungen von Kultur, Design und Kreativitätwirtschaft in den nächsten Jahren zunehmen werden? Wie oft kommt das Wort Design im neuen Koalitionsvertrag vor? Bei der ersten Frage hoben sich nur sehr wenige Hände, bei der zweiten ganz viele und die ernüchternde Antwort auf die dritte Frage lautet: 0.
Verzweifeln ist aber keine Option, statt dessen fragte Egbert Rühl: Wie gehen wir mit dieser Situation um? Seine Antwort: Aktiv werden! Die Stimme erheben! Trotz und neben all der täglichen Arbeit Interessenvertretung betreiben!
Antje Dohmann
Made in Mittelstand – Wie Design Unternehmen prägt
Made in Mittelstand
Kerstin Sticht, Guido Wiegand, Sebastian Thies, Karsten Henze (von links).
95% der Unternehmen in Deutschland sind kleine oder mittelgroße Unternehmen. Die Mehrheit von ihnen wird in der Unternehmensnachfolge an Familienmitglieder und Kinder übergeben. Made im Mittelstand, so kann man das umschreiben – welche Rolle Design dabei spielt, welche Schnittstellen es gibt, erzählen die Teilnehmenden* der Podiumsdiskussion, hier in Form einiger Statements aus der Diskussion.
»Es ist spannend, welche Kraft Design entfalten kann; nicht nur in der Außenwirkung und im Marketing eines Unternehmens, sondern auch intern. Wenn Design eine Idee in Bild, Farbe, in Storytelling funktioniert, heißt das auch, dass Design als verbindendes Element zwischen Menschen funktioniert.« Kerstin Sticht, verantwortlich für die Markenarchitektur und des visuellen, kommunikativen Profils von MBT Climate.
»Die Tatsache, dass Mittelstand Eigentum mit Leitung, Verantwortung und Haftung vereint – im Sinne einer Beteiligung an allen Prozessen – stärkt ihre Position. Der Vergleich von Öltanker und Sportboot passt da ganz gut; was der Öltanker nicht schafft, schafft die Reaktionsgeschwindigkeit in eigentümergeführten Unternehmen. Man kann das sehr gut von abstrakten, eher trägen, großen Organisationsstrukturen abgrenzen, das eröffnet unglaublich spannende Möglichkeiten.« Karsten Henze/IDZ und Vorstandsmitglied des Deutschen Designtags
»Genau sowas bräuchte München – entweder heißen die Eisdielen hier Venezia oder irgend etwas in dieser Art. Wie wär’s einfach mit einem simplen Produkt, das dafür mit höchster Qualität? DAS hat mich beeindruckt, auch stilistisch, denn das war aufgemacht wie ein 50er Jahre Diner….« Sebastian Thies über eine Eisdiele, die er auf einer Dienstreise entdeckte.
»Wir sind gerade mitten im Generationswechsel: Es gibt keinen knorrigen alten Unternehmer, der alles besser weiß. Wir haben eine Unternehmenskultur der Partizipation, die ermöglicht, Menschen groß werden zu lassen und mutige Dinge zu entscheiden. Trotzdem achten wir darauf, Menschen mitnehmen zu können, die sich mit dem Unternehmen ganz unglaublich identifizieren; wie z.B. rund 600 Reiseleiter vor Ort. Unsere Probleme haben wir dann, wenn wir uns im Design eventuell danebenbenehmen.« Guido Wiegand, Studiosus
»Die Bedeutung von Design liegt für uns in zwei Bereichen: Innovation – also die Produkte, die wir entwickeln. Andererseits gibt es die Königsdisziplin, die Entwicklung von Projekten, die man über Jahrzehnte hinweg nahezu unverändert verkaufen kann. Eine komplett unerfolgreiche Kollektion für die Fashion Week in Paris war der Anstoß dafür: Ein Material zu ersetzen durch ein eigentlich völlig unpopuläres – und so wurde aus der Innovation eins der langlebigsten Produkte unseres Hauses. Übrigens ist einer unserer größter Pain Points das Internet. Eigentlich komplett peinlich, weil es weder an meinem Wohnort noch am Unternehmenssitz Glasfaser gibt. Darüber hinaus: Unsere Infrastruktur ist heute kleiner, aber wir kämpfen mit einer unglaublichen Bürokratie. Und von einem einzigen Produkt könnten wir heute nicht leben. Wir sind eine Marke.« Sebastian Thies über Filzsneaker seines Unternehmens
»Wir sind natürlich abhängig von exogenen Faktoren, wo uns Design aktuell gar nicht hilft. Es ist keine Wunderwaffe, siehe aktuelle Situation in Indien – viele Buchungen, die genau jetzt aufgrund des Konflikts Indien-Pakistan im Feuer stehen. Oder die Situation in den USA, dort haben wir einen signifikanten Rückgang der Buchungen. Ansonsten handeln wir natürlich permanent mit unseren Agenturpartnern Design und Sprachkonzepte aus – und damit steuern wir Erwartungshaltungen. Das fördert letztlich auch die Kundenzufriedenheit.« Guido Wiegand, Studiosus, über unkalkulierbare Risiken und Stolpersteine.
»Viele Studierende haben manchmal ein Problem damit, dass sie sich soviel für ihre Auftraggeber interessieren, um sich darauf einzulassen. Designerinnen und Designer müssen sich noch stärker auf ihre potenziellen Kundinnen und Kunden einlassen können, daran müssen wir arbeiten.
Und nicht alle inhabergeführten Unternehmen sind designaffin wie es z.B. Architekten, Modehäuser oder andere sind. Beide Seiten müssen miteinander reden – darüber, was man braucht und haben möchte. Dann fällt auch Markenarbeit leichter, wenn man auf Fantasie setzt, auf Neugier und Erkenntnisgewinn und über den Tellerrand schaut. Design hat genau dann eine große Chance, Dinge voran zu bringen.« Karsten Henze
»Investieren Sie in Werbewirkungsforschung. Wenn sich Design darin ergeht, ob’s mir gefällt oder nicht, läuft etwas aus dem Ruder. Den Kunden muss es gefallen, deswegen machen wir permanente Werbewirkungstests. Wir messen, messen, messen und kommen so zur Erkenntnis, ob Design funktioniert oder eben nicht.« Guido Wiegand, Studiosus
170 Jahre Design trotz und wegen Nachhaltigkeit
Scheitern - oder: mit Stil zum Erfolg - seit 170 Jahren
Von der Filzproduktion über die mehr oder weniger geheime Rüstungsfabrik, Enteignung, einen VEB-Betrieb und die Marke Thies: Seit 1856 ist das Unternehmen Thies präsent; mit zunächst Filzpantoffeln begann 1993 der Weg zu neuen Ufern. Der erste massenproduzierbare, kompostierbare Schuh war eine technisch enorme Herausforderung, preislich eher im obersten Segment – und ein Vorreiter eines neuen Produkts. Der weltweite Zwei-in-Eins-Schuh mit austauschbaren Teilen des Schuhs entwickelt sich weiter zum Vier-in-Eins-Schuh. Ein modulares Baukasten-System aus Einzelteilen wird zur Marke, individuelle Gestaltung der Modelle inbegriffen.
»Erfolg kann einem in dem Moment, in dem man ihn hat, gar nicht so recht bewusst sein.« sagt Sebastian Thies heute augenzwinkernd. Was als Design-Experiment begann, ist heute Erfolgsfaktor der Firma Thies: Innovationen in Kombination mit Mut und Vision, auch als uncool empfundenes als möglichen Bestseller zu begreifen. So gedeiht ab und an in der Nische kommerziell hoch erfolgreiches wie der kompostierbare Gummistiefel, der im Unternehmen entwickelt wurde und produziert wird. Auch herkömmliche Sneaker werden ungewöhnlich kombiniert: Mit Handtüchern in passendem Design, nachhaltig entwickelt, in klassischen Designs – aus der Erkenntnis heraus, dass Materialvielfalt für Konsumenten oft nur in Überforderung endet.
Mittlerweile sind 90% der Produkte von Thies vegan; polarisierende Produkte tragen dabei zum Bewusstsein bei. Benutzte Haushaltsfolie, Ochsenblut als historisch relevanter Konservierungsstoff, Farbstoffe aus natürlichen Quellen, isländisches Lachsleder aus Fischresten, die normalerweise ins Meer gekippt wurden – Beispiele, die für Sebastian Thies der wahre Luxus sind, weil sie ressourcenschonend, plastikfrei und … bezahlbar sind. Luxus, weil sie nicht neue Probleme schaffen, sondern im ganzheitlichen Ansatz des Produktes Lösungen bieten.
Die Zusammenarbeit mit Ingenieuren, Entwicklern, Technikern aus anderen Branchen eröffnen Perspektiven für neue Ideen; Scheitern inbegriffen: was nicht serientauglich ist, ist unter Umständen vorzeigbar, als Inspiration für neue Ideen und Entwicklungen. Die Monetarisierung ist dabei gelegentlich nachrangig im Hinblick auf die Frage: »Bringt uns das voran? Ist die Idee neu? Lässt sie sich umsetzen?«
Scheitern mit Stil und Erfolg (und Design) also – seit 170 Jahren.
Design macht Dienstleistung erlebbar – Markenführung bei Studiosus Reisen
Denken, gestalten, bewegen...
Was macht man eigentlich im Urlaub, wenn man nicht nur am Pool liegen möchte? Guido Wiegand, CMO Studiosus Reisen, nimmt seine Zuhörer mit auf eine interessante Zeitreise. Einer der ersten Prospekte des Unternehmens aus seinen Anfangszeiten bei Studiosus zeigt, welcher spannende Weg in Kommunikation und Marketing mit einem schwarzweiß gedruckten Katalog seinen Anfang nahm. Denn der Ausgangspunkt der Veränderung war ein Fehltritt erster Güte: Ein frappierend ähnliches Design für zwei Konkurrenten am Markt, eine umfangreiche juristische Auseinandersetzung – und die resultierende Erkenntnis aus diesem Flop, dass Ästhetik allein kein Marketingfaktor ist.
»Wir müssen den Eiffelturm zeigen, ohne ihn abzubilden.« nennt das Guido Wiegand heute. Sehenswürdigkeiten und Kultur eines Landes gehören zum Angebot von Studiosus: kennenlernen, eintauchen in Leben in Ländern, Entspannung – mit aussagekräftigen, interessanten Details in Bild und Text. Mit Themen wie Nachhaltigkeit schon lange, bevor dieser Begriff überhaupt in der Tourismus- und Reisebranche eine Rolle spielte. Der Claim »Intensiverleben«, der mit Sprache spielt und gleichzeitig doppelte Layer der Markenkommunikation spiegelt, gehört seit Jahren zum Konzept von Studiosus.
Das eigenständige Konzept ist dabei vielseitig interpretier- und spielbar, ohne dabei die Marke zu überdecken: Die Identität der Marke wird durch die Bildauswahl und die Gestaltung erfahrbar. Bunt, vielfältig, immer neu und überraschend. Weil, so Guido Wiegand, »wir nicht mit Firmen zusammenarbeiten, sondern mit Menschen, die unserem Unternehmen ein unverwechselbares Gesicht gegeben haben.«
Demokratie als Lebensform – Vom Wert des Alltäglichen
Vom Wert des Alltäglichen
»Scheindemokratie«, das Stichwort einer Umfrage des Instituts Allensbach in den alten und neuen Bundesländern, stammt aus dem Jahr 2022: 32% der Deutschen sind der Meinung, in einer solchen Scheindemokratie zu leben. Weitaus höher, bei rund 45 %, liegt der Anteil der Menschen mit dieser Auffassung in den neuen Bundesländern. Ist Demokratie also Staatsrecht, Macht, Teilhabe an der Politik – oder ist das unsere Innerlichkeit?
Macht, so die Antwort von Ralph Habich, ist mitnichten Demokratie. Sie findet im ganz normalen Alltag statt, in der Art und Weise, wie wir miteinander und mit anderen leben. Sie ist eine Form von Soziokultur, ein werteorientiertes Miteinander einer Gesellschaft. Dort verortet Habich auch die Quelle zahlreicher Probleme, denn soziokulturelles Integrieren wird für ihn spätestens seit den 80er Jahren stark bis völlig vernachlässigt. Der historische Bogen reicht dabei weit zurück – in die unglaubliche Indoktrination der Nazis, die in der Forderung »nie wieder politische Indoktrination durch den Staat« resultierte. Provozierend formuliert: Kümmert sich Politik also nicht um den eigentlichen Sinn der Politik?
Es ist ein unbequemer Denkanstoß, den Habich formuliert – in Ergänzung des Grundgesetzes müsste es für ihn logischerweise heißen »...gibt den Bürgerinnen und Bürgern Orientierungshilfe für ein Leben in Gemeinschaft.« Wenn Demokratie es nicht schafft, Menschen zu erreichen, Werte wahrzunehmen, ihnen buchstäblich zu Herzen zu gehen, scheitert sie. Wenn man sich damit nicht identifizieren kann, wie kann man dann erwarten, Demokratie und ihre Werte zu verteidigen und für sie einzutreten?
Die Einladung zum Weiterdenken lautet also, Demokratie als persönliche und gemeinschaftliche Werte-Quelle zu entdecken. An diesem Punkt kommt Design ins Spiel; Wie kann es gelingen, aktiv auf Menschen zuzugehen, ihnen die Wertschätzung von sozialen Werten beizubringen? Das ist eine Kulturtechnik.
Ein Einwurf, eine Intervention, sicherlich sperrig und herausfordernd bei näherem Nachdenken…. und vor allem eine direkte Aufforderung zu einer aktiven Entdeckungsreise.
Demokratie begreifen! Wieviel Partizipation kann Design?
Wieviel Partizipation kann Design?
Sie ist systemische Designerin, befasst sich mit Change Management in Firmen und ist auch mit Bürgerbeteiligung beschäftigt: Prof. Dr. Eileen Mandir misst der Entwicklung eigener Haltungen große Bedeutung zu. Verschiedene Formate der Beteiligung und Methoden ermöglichen den Umgang mit der von Jörg Sommer zitierten »erlernten Hilflosigkeit«, bieten die nötigen Grundlagen, Zukunftsperspektiven partizipativ zu entwickeln. Im Dialog mit Betroffenen und Konfliktbeteiligten werden Probleme greif- und erfahrbar: die Arbeit mit Zukunftsszenarien beispielsweise zum Thema Autoreduzierung im städtischen Bereich ist eins der aktuellen Beispiele aktiver Bürgerbeteiligung, mit denen sich Eileen Mandir beschäftigt.
Die eher ungewöhnliche Idee von Pop-Up-Nagelstudios war die eher exotische Antwort auf die Frage, was Beteiligung Menschen zurückgeben kann. Das niederschwellige Angebot als Trigger für Kommunikation und Austausch – bei einer entspannten Maniküre – führt zu Erkenntnissen in ungewohntem Rahmen. Partizipation sozusagen um die Ecke gedacht, in der Nachbarschaft, mit einem kleinteiligen Wellness-Angebot, das ganz pragmatisch Menschen zueinander und viel wichtiger: ins Gespräch miteinander bringt.
Wenn man – ob auf dem Weg der aktiven Rekrutierung oder der ungewohnten Angebote – Menschen in diesen Prozess geholt hat, »fangen die Probleme erst an«, meint Jörg Sommer. Viele bestimmte Milieus, die bereits in demokratischem Kontext, in Institutionen und Gremien aktiv sind, muss man nicht mehr »einfangen«. Wichtig sind diejenigen, die (noch) nicht beteiligt sind, die nicht mitreden können. An diesem Punkt kommt Design ins Spiel: Artefakte bauen, bebildern, Geschichten erzählen macht Fakten erlebbar und begreifbar, übersetzt Emotionen in verständliche Aussagen. Das ist etwas gänzlich anderes als in Form von Reports und Untersuchungen mit wissenschaftlichem Anspruch Zukunft zu entwickeln. Denn in Sachen Beteiligung geht es eher selten um Fakten, sondern ihre »Begleiterscheinungen« wie Ängste, Gefühle und ganz alltägliche handfeste Probleme.
Social Design alias Demokratie ist eine Kulturtechnik, die erlernt werden muss. Lernen, verbunden mit Geduld, Emotionen, Kompetenz: Das lässt sich auch und gerade für Politiker weder delegieren noch negieren; »gut, dass wir drüber geredet haben, ich mache dann eine Vorlage daraus« - genau DAS ist NICHT Partizipation. Ein konsolidiertes Ergebnis bedeutet, dass Beteiligte ihren eigenen Prozess mit ihren eigenen Ergebnissen entwickeln. Design, griffig und praxisnah, als wichtiger Aspekt einer lebendigen Demokratie – mitunter über kleine Umwege, die eine Gesellschaft als Ganzes einbinden und ins Gemeinsame holen.
Gespräch Florian Pfeffer mit dem DIVE'25-Kuratorium
Design zwischen Reflexion und Vision
Julia Peglow/Moderation, Prof. Markus Frenzl, Prof. Sabine Resch, Florian Pfeffer, Boris Kochan (von links).
Alle Prozesse in einer immersiven Perspektive als Denkanstoß für die DIVE’25? »Gegenwartseitelkeit« ist ein Begriff, den Florian Pfeffer gerne zitiert. »Noch nie war alles so komplex wie heute!« könnte eine der Aussagen dazu sein; Historiker sind anderer Meinung, auch das ganz normale Leben zwischen Ukraine-Krieg, amerikanischer Präsidentenwahl und geopolitischer Weltordnung spricht eine andere Sprache. Um dem, was uns regelrecht überflutet, uns fordert und auch belastet, etwas entgegenzusetzen, braucht es Inklusion; nicht im Sinne eines schlechtmachenden »Woke-Labels«, sondern darin, alle mitzunehmen, zu beteiligen und einzubinden. Gemeinsam, das ist das Stichwort: optimistisch auf Chancen blicken, Herausforderungen annehmen und daraus Zukunft gestalten – eine zentrale Aufgabe von Design.
Die Mode-Branche könnte ein Beispiel dafür sein; denn Mode, so Sabine Resch, zeigt nicht nur Stil, sondern auch Haltung, Identität und Lebensgefühl. Als »bisweilen nicht ins Design einbezogener Aspekt« bedient Mode nicht nur Trends, sondern trägt auch zu Transformationsprozessen bei. Die als »zweitschlimmste Branche nach Öl« (O-Ton Resch) geschmähte Mode sollte Wert auf gute Produktionswege legen, gutes Material verwenden, kann Bewusstsein schärfen: Für Konsum an sich, für Nachhaltigkeit und Werte. Schlüsselworte wie Verantwortung und Haltung verortet Sabine Resch in konkreten Beispielen für StartUps und kritisiert ein turbokapitalistisches Wachstumsmodell, das seit langem bekannt und drängender denn je ist.
»Keine andere Disziplin stellt sich so intensiv die Frage nach ihrer eigenen Existenz wie unsere...« frotzelt Prof. Markus Frenzl; aus seiner Sicht hat die DIVE vor allem das Ziel, das transformative Potenzial von Design zu vermitteln und Menschen unterschiedlicher Sparten zusammenzubringen. Erkenntnisse aus der Designforschung, die beispielsweise zur Verbesserung politischer Abläufe beitragen können, sind Einblicke in Kontextualisierung oder auch partizipatives Agieren, um dann ins Experimentelle zu gehen, um Prototypen für neue Denkweisen zu entwickeln. Eine Wunschvorstellung, die auch in der Corona-Zeit stärker in den Fokus gerückt ist: Nicht zu wissen, ob etwas funktioniert und des dennoch zu wagen – das ist ein Experiment, zu dem Mut gehört, aktive Auseinandersetzung mit Unbekanntem, das Zulassen von Vulnerabilität, der Wunsch auszuprobieren und Ergebnisoffenheit zuzulassen.
Design ist in diesem Sinne - und den Worten der Diskussionsrunde - eine Schnittstellendisziplin, die hohe Herausforderungen stellt – an Fehlerkultur ebenso wie an Führungsqualitäten, an Vertrieb, an wirtschaftliche Prozesse und firmeninterne Abläufe. Neue Helden also, im Sinne von Gestaltung? Eine Frage, mit der Julia Peglow die Frage nach Designpolitik an Boris Kochan weiterreicht: Für Ideen, für ein Wachstum eines handfesten, handlungsfähigen Netzwerks, für die Wertschöpfung durch Design gibt es seinen Worten zufolge noch wenig Bewusstsein. 16 Mitgliedsorganisationen des Deutschen Designtags sind gemeinsam und gemeinschaftlich Motor, um im Dialog mit Politik und Wirtschaft genau dieses Bewusstsein zu schärfen. Der Monitoring-Bericht der Bundesregierung, der die Designwirtschaft untersucht, ist ein Teil der Betrachtung. Mit Blick auf die gesamte Designwirtschaft wird allerdings deutlich: es gibt (noch) eine Lücke – beispielsweise in Ausschreibungen der Öffentlichen Hand für Designprojekte, die »eher für schlüsselfertige Projekte taugen«, so Kochan. Design lebt allerdings davon, gemeinsam neue Wege zu erforschen und zu entwickeln. Der Plan, eine Beratungsstelle zu installieren, um designgerechte, für beide Seiten hilfreiche Ausschreibungen zu entwickeln, gehört zu den Zukunftsvisionen des Deutschen Designtags – mit dem Ziel, bessere Projekte und Produkte zu gestalten.
Demokratie als Beteiligungsformat zum Anfassen
Demokratie zum Anfassen - Herausforderung für Design
Demokratie, Partizipation und Design – hängt das miteinander zusammen? Was kann Demokratie, was macht sie stark, was bedeutet Teilhabe und wie kommt Design ins Spiel? Interessante Denkanstöße von Jörg Sommer, der frotzelt: »Wir brauchen mehr Designer, die wie Piraten denken.« um direkt auf die Ernsthaftigkeit der Ausgangsfragen zurückzukommen. In Berlin und anderen Bundesländern ist der heutige Tag ein gesetzlicher Feiertag; er erinnert an das Ende des Dritten Reichs, an das Ende einer dunklen Zeit in Deutschland. Die Diskussion um ein Verbot der NSDAP gehört in den Kontext des Erinnerns und der historischen Parallelen zu heutiger Zeit, in der sich viele Menschen an diese politische Epoche erinnert fühlen – und sich darum streiten, wie man mit Bestrebungen, Demokratie einzuschränken, umgehen soll. »Geschichte wiederholt sich, wenn man Vergangenheit nicht versteht.« sagt der Wissenschaftler.
Wie also kann man Demokratie erfahrbar machen, wie kann man Menschen mitnehmen, denen das Vertrauen in Politik und Demokratie abhanden gekommen ist? Antworten zu finden, ist angesichts bedrückender Zahlen mehr als dringend nötig; denn in den neuen Bundesländern sind mehr als die Hälfte der Menschen nicht mehr vom Prinzip Demokratie überzeugt. Aus wirtschaftlichen Gründen, aus einer Perspektive möglichen Verlierertums heraus erwachsen Abneigung und tiefe Zweifel an demokratischen Prozessen. Der Spagat zwischen Drill auf Leistung und Zukunftsangst, der vor allem junge Menschen beschäftigt, ist nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung übrigens einer der Gründe, warum junge Menschen anfällig für politische Extrempositionen sind.
Demokratie ist mehr als wählen gehen: sie ist ein dynamischer Prozess, der von allen Menschen mitgestaltet werden kann – und muss. Sie ist also eine Form eines Social Designs, eine Gestaltungsaufgabe, die nicht nur auf Wissen beruht, sondern durch eigene, praktische Erfahrungen geprägt wird. Lernen als Mittel einer erlernten Hilflosigkeit? Genau dafür ist Partizipation da; der spröde Sprachbegriff ist für Sommer ein aktiver Begriff. Beteiligung hat für ihn etwas Gönnerhaftes, Partizipation hingegen kann nerven … und damit zur Auseinandersetzung mit Konflikten anregen. Sie braucht Frustrationstoleranz, Resilienz und gute Nerven – Dinge, die gelernt und geübt werden müssen, aktiv und gemeinsam, von Menschen mit überaus unterschiedlichen Sichtweisen, Haltungen und Interessen.
Das ist grundsätzlich etwas anderes, als alle vier Jahre wählen zu müssen. Erlernte Hilflosigkeit ist, so Jörg Sommer, »das Reservoir von Populisten und Faschisten«. Demokratie ist für ihn eine Einstellung und eine Kulturtechnik, die aus vielen Facetten und Aspekten besteht. An dieser Stelle kommt Design ins Spiel; nicht etwa als Gestaltung von Plakaten, sondern von Partizipation. Die Einsicht, dass eine demokratische Haltung nicht etwa genetischer Veranlagung entspringt, sondern Bildung im weitesten Sinne, aktives Handeln und Lernen benötigt, ist ein erster Schritt, Selbstwirksamkeit zu erfahren. Eine gesteigerte Diskurskompetenz, die Kenntnisnahme von und Eingehen auf Interessen anderer bedeutet, will trainiert werden. Und birgt die Chance auf weitere Selbstwirksamkeitserfahrung für alle.
»Geht nicht.« Jörg Sommer ist überzeugt: Geht doch! Demokratie stärken heißt deswegen vor allem: Demokratie praktizieren. Mit Prozessen, die Raum für Konflikte zulassen, für Experimente, Unperfektion, Langsamkeit. Das ist mühsam, dauert und kostet mitunter Nerven und ist trotzdem alternativlos. Wie beim Sport geht es nicht darum, von A nach B zu kommen, sondern Leistungskraft gezielt zu trainieren. Beteiligung in Kommunen, in Institutionen, in Schulen gehört zu diesem prozessorientierten Training dazu. Ebenso Kommunikation: »Wenn selbst als Akademiker Texte dreimal lesen muss, um herauszufinden, dass der Text eine Einladung und keine Androhung eines Bußgelds ist, läuft etwas ganz Grundlegendes falsch. Das nennt man Inklusion.«
Es gibt also viel Spielraum für partizipative Prozesse, für politischen Willen, gesellschaftlichen Raum .. und damit für Design, das zu politischer Akzeptanz und Selbstwirksamkeitserfahrung und letztlich zu Demokratie beitragen kann, als auf den ersten Blick ersichtlich ist.
Die Welt gestalten – Vom Entwerfen und Verantworten
Das Dilemma als produktivster Ort
Wo beginnt Verantwortung? Ist sie ein Gradmesser für Ästhetik, für das, was wir als »schön« empfinden und beurteilen? Kann ein Kleidungsstück schön sein, das unter unzumutbaren Arbeitsbedingungen und weit unterhalb eines Existenzminimums an Lohn produziert wurde, »schön« sein? Ist eine Kampagne »gut«, wenn sie über eine Plattform der Sozialen Netzwerke ausgespielt wird, die zu Essstörungen bei jungen Frau beiträgt? Fragen, die Florian Pfeffer stellt, Kommunikationsdesigner und - zumindest zeitweilig - aktiver Politiker, und dabei aus Erfahrung spricht.
Willkommen also im Dilemma, dem eigentlich Unlösbaren, dem produktivsten Ort für Gestaltung, für Politik … und für das Leben an sich. »Wenn wir Dinge gestalten wollen, die wirklich etwas Positives bewirken sollen, nützt es nichts, nur über formale Aspekte zu reden. Wir müssen hinterfragen und hinter die Dinge blicken, um die Bedingungen ihres Entstehens mitzugestalten.« lautet das Credo des Gründers von ItoIto, einem Start-Up, das auf Nachhaltigkeit, Effizienz und moralische Aspekte von Gestaltung setzt. Vor allem mit Blick auf Künstliche Intelligenz, Algorithmen, soziale Netzwerke kritisiert Pfeffer den Mangel an Wissen über die Dinge, die wir täglich nutzen: »Menschen beklagen sich über die elektronische Gesundheitskarte, stellen aber Diagnosen auf Facebook ein.« Ein Gedankensplitter über Naivität, (zu) großes Vertrauen in Systeme, eine unreflektierte Akzeptanz im Sinne von »was kann schon schiefgehen«, der zurückführt zu Design und Gestaltung.
Und so steht hinter jedem Ding und jedem Objekt ein System unsichtbarer Zusammenhänge, das seine Funktion massiv formen: Regelwerke, soziale Normen, Wertvorstellungen, aber ebenso auch wirtschaftliche Interessen, also die Bedingungen, unter denen die Systeme entstehen. Wouter Vanstiphout nennt das die »dunkle Materie« des Designs, die kultureller, struktureller und systemischer Teil einer Gestaltungsaufgabe ist, unsichtbar ist und bleibt, aber für die Lösung der Aufgabe grundlegend ist. In diesem Sinne braucht ein »Dahinter« Form und Gestaltung, um überhaupt funktionierende Systeme und Dinge zu ermöglichen; eine Herausforderung, mit der Florian Pfeffer seine Studentinnen und Studenten an der Hochschule für Gestaltung konfrontierte.
Seine aktive Zeit in der Politik betrachtet Pfeffer als absoluten Benefit: Sein persönlicher Grund, diesen Schritt zu wagen, war die Auseinandersetzung mit der »dunklen Materie« und dem Blick des Designers auf politische Prozesse – eine Chance, sie zu verändern und positiv zu beeinflussen. Sein Start-Up ItoIto beschäftigt sich mit digitalen Prozessen und Technologien, deren Ziel ist, industrielle Modeproduktion nachhaltiger, ressourcenschonender und kreislauffähiger zu gestalten. Dazu ein wenig Zahlenspiel: 30- 40% Überproduktion in der Modebranche sind aktuell Standard. 30% der kompletten Produktion bestimmter Marken werden nicht verkauft, bleiben im Regal, werden irgendwann entsorgt. Ein Ding der Unmöglichkeit, findet Florian Pfeffer und setzt auf digitale Technologien, die schnellere Produktionswege, passende Produkte und die Transformation kompletter Produktketten ermöglicht. Wenn Produktion näher an echter Nachfrage ist, können nicht nur stabilere Lieferketten aufgebaut werden, wirtschaftliche Reibungsverluste vermieden, sondern auch die Müllhalden in Gegenwart und Zukunft reduziert werden.
»Keine Transformation ohne die Wirtschaft.« - Nachhaltigkeit ist das Minimum, um unser Ökosystem zu erhalten. Lediglich Nachhaltigkeit reicht nicht, Pfeffer setzt ihm den Begriff der Total Beauty entgegen: Produkte, die andere Menschen krank machen, den Planeten zerstören oder menschliche Beziehungen belasten, können nicht schön sein. Ein Denkanstoß für die DIVE und für einen grundlegenden Optimismus, den wir heute nötiger denn je haben.
Vor dem Tauchen muss man springen! – DIVE'25-Eröffnungsrede
Vor dem Tauchen muss man springen!
Erwartungen, Vibrations, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, soziale Teilhabe, Dilemmata als Orte gesellschaftlicher Interaktion, Demokratie als Beteiligungsprojekt zum Anfassen, zwischen Werten und Wertschöpfung: Ein weites Feld, dessen vielfältigen Aspekten sich die DIVE’25 des Deutschen Designtags an insgesamt drei Konferenztagen widmet.
Mehr als 40 Keynotes zu unterschiedlichen Themen, in Roundtables, in der BlackBox als konzentriertem Kommunikationsraum, in persönlichen Gesprächen und Begegnungen mit Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Design liefern Denkanstöße: Wie gelingt der Brückenschlag zwischen Design und Praxis, zwischen Inklusion und Teilhabe? Welche politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beflügeln dynamische Designprozesse?
Zum Start und Kennenlernen für Ortsunkundige gibt’s ein Glossar für den Ort Gasteig, dessen historische Wurzeln nach intensiver Nutzung als Kulturzentrum zur hippen fetten Katze, dem heutigen FatCat führen. Ein »Zwischenzustandsort«, der ergebnisoffen ist, Europas größtes Kulturzentrum der freien Szene, ist ein idealer Ort für diese Konferenz - als Treffpunkt, Inkubator und Beschleuniger für kreative Entwicklungen. Die mcbw (munich creative business week), zu deren Veranstaltungsprogramm die DIVE’25 gehört, ist in ihrer Vielfalt das größte Treffen der Kreativwirtschaft: Eintauchen, davor ein Sprung ins Unbekannte und zu reichhaltigen Funden und Inspirationen.
»Es gibt keinen passenderen Zeitpunkt, um eine solche Konferenz zu machen«, so formuliert es Boris Kochan. Angesichts politischer Umwälzungen, verstörenden, disruptiven und umwälzenden Veränderungen der Welt um uns herum bieten die Themenfelder der DIVE Orientierung im buchstäblichen Dschungel der Informationen. Im Kuratorium verantworten Prof. Markus Frenzel/Designforscher, Prof. Mike Richter/Präsident des Rats für Formgebung, Prof. Sabine Resch/Journalistin und Professorin für Mode-Journalismus, Karin Schmidt-Friderichs/Verlegerin und Vorsitzende des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und Boris Kochan/Design-Unternehmer und Präsident des Deutschen Designtags die Inhalte und Programmpunkte der DIVE’25.
Die Idee ist, etwas zu schaffen, was es so noch nicht gegeben hat - nicht, um »unter uns zu bleiben«, meint Boris Kochan. Sondern um alle Branchen des Designs zusammenzubringen. Gemeinsam, das ist das große Stichwort dieses Projekts, das - mit Blick in die Zukunft - keine Eintagsfliege bleiben soll. Gemeinsam miteinander möglich machen, als großer Schmelztiegel über reines Design und Designerinnen und Designer hinaus, dazu gehören Verbindungen und Austausch; ein gigantisches interdisziplinäre Experiment mit direkter Einbindung von Wirtschaft und Politik, das Boris Kochan mit einem kurzen Satz zusammenfasst: »Vor dem Tauchen muss man springen!«.
»Wir brauchen Ihre Leistungen«, betont Hubert Aiwanger, bayerischer Wirtschaftminister; »Sie machen die Dinge nicht nur schöner, sondern Sie machen sie vor allem besser, funktionaler, hilfreicher und sind damit ein wesentlicher Motor eines Wirtschaftlichswachstums!«. Aiwanger betont in seiner Begrüßung die Notwendigkeit eines Frühjahrsputzes für gesellschaftliche Prozesse mit Unterstützung von erfahrenen Gestalterinnen und Gestalter ist ein Gewinn für alle: mehr Liebe zum Detail, mehr Weitsicht und Knowhow, das auch für andere Wirtschaftsbranchen wichtige Anstöße und bedeutenden Input liefern. 37000 Erwerbstätige im Bereich Design machen dabei rund 11 % der Kultur- und Kreativwirtschaft in Bayern und rund 20% in Deutschland aus. Das sind Argumente, die für die konsequente Integration von Design in auch wirtschaftliche Prozesse und Geschäftsmodelle sprechen - im Sinne einer Optimierung gesellschaftlicher Modelle aller Art und in einer ganz wesentlichen Schlüsselrolle.
Auch Dr. Christian Scharpf, Referent für Arbeit und Wirtschaft der Landeshauptstadt München, betont die Wichtigkeit des Designstandorts München: Veranstaltungen wie die mcbw und die künftig alle zwei Jahre geplante DIVE sind von internationaler Anziehungs- und Strahlkraft. Die Umsatzzahlen der Branche haben sich in den letzten 15 Jahren stetig positiv entwickelt; eine Steigerung um 125% in den letzten zehn Jahren sind ein deutlicher Indikator für die Wirtschaftskraft der Kultur- und Kreativwirtschaft. 44 Milliarden Euro und 46,2 % Umsatzanteil sind Motor für die Schaffung und Sicherung von Arbeitskräften, die Entwicklung ist in den letzten Jahren ungebrochen positiv. Im Städtevergleich mit Berlin und Hamburg ist München das leistungsstärkste Zentrum der Kultur- und Kreativwirtschaft Deutschlands; der erwirtschaftete regionale Umsatz steigert sich sogar auf 28,6 Milliarden Euro. »Die Stärke der Kultur- und Kreativwirtschaft ingesamt gibt damit wichtige Hinweise auf die Leistungsstärke der Designwirtschaft: Ein Umsatz von 1,92 Milliarden Euro macht die Designbranche zum drittgrößten Teilmarkt.«
»Wir machen’s einfach.« ist das gemeinsame Fazit von Nadine Vicentini/bayern design und Veranstalter der mcbw und Boris Kochan. »Wir sind hier. Wir machen es nicht einfach, sondern wir machen es gemeinsam.« Unter dem gemeinsamen Dach der munich creative business week treffen sich nicht nur Designerinnen und Designer; sie feiern die visionäre Kraft der Gestaltung und des interdisziplinären Netzwerkes, das Unternehmen von Start-Ups über Hochschulen, Verbände und Kammern auf nationaler und internationaler Ebene zusammenbringt. Design schafft Beziehungen - und in einer zunehmend komplexeren Welt ganz wichtig - den Blick für die großen Zusammenhänge.
»Wirklichkeit IST nicht. Wirklichkeit will gesucht und gewonnen werden.« Dieses Zitat von Paul Celan könnte eine treffende Beschreibung der DIVE’25 sein: Vergangenheit lässt sich nicht (mehr) gestalten. Die Zukunft hingegen schon; dazu gehören Visionen, Gestaltung, Inspiration, Diskurs - eben Design.
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